Etwa zwanzigtausend Mal an einem Tag hebt und senkt sich mein Atem, ohne dass ich ihn darum bitte.
Er ist der eine Begleiter, den ich nie ablege: vom ersten Moment am Morgen bis tief in den Schlaf hinein. Und doch bemerke ich ihn an den meisten Tagen kaum. Vielleicht ist genau das seine stille Eleganz: dass er sich um mich kümmert, während ich längst anderswo bin.
Dabei ist der Atem keine gewöhnliche Körperfunktion. Er gehört zwei Welten zugleich an. Mein Herz schlägt, ohne dass ich es direkt lenke. Meine Gefässe weiten und verengen sich, Drüsen arbeiten, der Darm bewegt sich, das Nervensystem reguliert im Hintergrund. Gedanken, Emotionen und Stress können all das beeinflussen, aber ich kann es nicht einfach mit einem Befehl steuern.
Der Atem aber gehört beiden Reichen an. Er läuft von selbst, wenn ich ihn vergesse. Und er gehorcht mir, sobald ich ihn bewusst wahrnehme. In dieser einen Funktion berühren sich der willentliche und der unwillkürliche Körper.
Wer zu atmen lernt, arbeitet an dieser feinen Naht: dort, wo der Mensch sich selbst begegnet.
Auf meinem Weg bin ich dem Atem in vielen Gestalten begegnet: auf dem Meditationskissen, in den langsamen Formen des Tai Chi, in der Härte des Kung Fu, in der Arbeit mit dem Körper als Masseur und schliesslich am Seil, mit einem anderen Menschen.
Überall stellen sich dieselben Fragen: Was atme ich? Wann atme ich? Wie atme ich? Doch je länger ich übe, desto deutlicher sehe ich, dass der Atem zwei Richtungen kennt. Zuerst führt er nach innen, zu mir selbst. Und dann, wenn ich dort angekommen bin, führt er wieder hinaus: zu einem anderen.
Der eigene Atem
Der Weg nach innen観 · Beobachten
Die erste Lektion war die schwerste, weil sie nichts von mir verlangte.
Auf dem Kissen geht es nicht darum, den Atem zu führen, sondern ihn in Ruhe zu lassen. Ihn anzusehen wie einen Gast, den man nicht stören möchte. Das klingt einfach. Es ist das Schwerste überhaupt.
Denn kaum schaue ich den Atem an, beginne ich, ihn zu verbessern. Ich mache ihn tiefer, langsamer, „richtiger". Ich kann nicht anders. Der Wille greift nach allem, worauf die Aufmerksamkeit fällt.
Genau hier liegt die Übung: nicht im Atmen, sondern im Lassen.
Je weniger ich tue, desto feiner wird der Atem von selbst. Er wird so leise, dass ich ihn kaum noch finde, und in dieser Stille tritt etwas anderes hervor. Irgendwann atmet es einfach. Und ich bin nur noch da, um es zu bemerken.
Der, der atmet, und der, der zusieht, fallen für einen Moment auseinander. In diesem Spalt wird der Geist still.
Das ist die paradoxe Kunst der Meditation: Kontrolle abzugeben, ohne einzuschlafen. Wach sein, ohne zu greifen. Da sein, ohne sofort einzugreifen.
Es ist die Grundübung für alles, was folgt. Denn wer seinen eigenen Atem nicht in Ruhe lassen kann, wird den Atem eines anderen niemals achtsam führen können.
Beobachten
Sitze bequem. Verändere nichts.
Zähle nur deine Ausatmungen: eins bis zehn, dann wieder von vorn. Verlierst du den Faden, beginnst du ruhig bei eins.
Der Atem als Wetterbericht
Setze dich ruhig hin und frage nicht: „Wie sollte ich atmen?"
Frage nur: „Wie atme ich gerade?"
Ist der Atem hoch oder tief? Eng oder weit? Kurz oder lang? Leise oder hörbar? Frei oder gehalten?
Du änderst nichts. Du liest nur.
流 · Tragen
Im Tai Chi bekommt der Atem eine Aufgabe, die er auf dem Kissen nicht hatte: Er trägt die Bewegung.
Das Öffnen einer Form fällt oft mit dem Einatmen zusammen, das Schliessen und Sinken mit dem Ausatmen. Hebt sich der Körper, hebt sich der Atem. Sinkt er, strömt die Luft aus. Bewegung und Atem werden zu einer einzigen Welle.
Der Anfängerfehler — lange war es meiner — besteht darin, den Atem an die Form zu pressen. Ihn in ein Korsett aus Zählzeiten zu zwingen. Gemeint ist aber das Gegenteil.
Nicht der Atem soll der Bewegung hinterherrennen.
Die Bewegung soll sich an den ruhigen, natürlichen Atem legen.
Sobald ich ihn zähle und zu hart steuere, wird er eckig. Sobald ich ihm Raum gebe, wird er rund. Es ist dieselbe Lektion wie auf dem Kissen, nur in Bewegung: lassen, nicht machen.
In vielen chinesischen Körperkünsten wird dafür das Bild des Dantian verwendet, besonders des unteren Dantian im Unterbauch. 气沉丹田: „Das Qi ins Dantian sinken lassen." Für mich ist das nicht nur ein mystischer Begriff, sondern ein sehr brauchbares Körperbild.
Anatomisch betrachtet bedeutet es: Der Atem darf tiefer werden. Das Zwerchfell bewegt sich freier. Die Bauchwand darf antworten. Der Beckenboden wird nicht hart festgehalten. Der Schwerpunkt sinkt. Ein hoher, in der Brust gefangener Atem hebt den Körper innerlich nach oben, macht ihn nervöser, wackliger, schneller. Sinkt der Atem nach unten, bekommt der Stand mehr Wurzel.
Im Körper sind Atem, Haltung und Gleichgewicht keine getrennten Dinge. Sie sprechen ständig miteinander.
In den Bauch sinken
Lege eine Hand auf den Unterbauch.
Beim Einatmen darf sich die Hand sanft heben. Beim Ausatmen sinkt sie wieder. Die Brust bleibt ruhig, aber nicht starr.
Atme durch die Nase, lautlos, ohne Druck.
Atem trägt Bewegung
Hebe beim Einatmen langsam die Arme, als würdest du einen grossen Ball tragen. Senke sie beim Ausatmen wieder.
Lass die Bewegung dem Atem folgen, niemals den Atem der Bewegung.
Seidenfaden-Atem
Stell dir vor, dein Atem sei ein feiner Seidenfaden, der durch deine Bewegung läuft. Wenn du zu schnell wirst, reisst der Faden. Wenn du zu hart atmest, wird er grob. Wenn du zu wenig präsent bist, verlierst du ihn.
Bewege dich langsam durch eine einfache Form oder durch freies Gehen im Raum.
根 · Wurzeln
Wo das Tai Chi den Atem ausbreitet, ballt das Kung Fu ihn zusammen.
Hier ist er nicht mehr nur Begleiter der Bewegung, sondern ihre Quelle. Die Ausatmung fällt mit der Anstrengung zusammen, mit dem Schlag, mit dem Schritt, mit der Verdichtung. Oft begleitet von einem Laut, einem Hauch, einem Zischen. Für einen kurzen Moment wird der Körper gesammelt und klar.
Manche Stile gehen weiter und arbeiten mit umgekehrter Bauchatmung. Dabei zieht sich der Bauch beim Einatmen sanft nach innen und schiebt beim Ausatmen nach aussen. Es ist das Gegenteil der natürlichen, entspannten Bauchatmung.
Diese Form kann im Rumpf Spannung, Innendruck und Sammlung erzeugen. Sie ist keine Entspannungstechnik. Sie ist eine Technik für Struktur, Kraftübertragung und Verdichtung.
Und genau deshalb rate ich hier zur Vorsicht.
Forcierter Atem, gepresster Atem und hartes Atemhalten sind keine Spielzeuge. Wer presst, wer gegen den eigenen Reflex arbeitet, wer Luft anhält, um stärker zu wirken, bekommt schnell eine deutliche Antwort vom Körper: Druck im Kopf, Schwindel, Kribbeln, Enge, manchmal auch Angst.
安, Sicherheit, ist für mich nicht der langweilige Rand der Praxis. Sicherheit ist der Boden, auf dem alles steht.
Das Erstaunliche ist, was diese harte Schule mich über das Gegenteil gelehrt hat: Kraft und Loslassen brauchen einander. Wer im richtigen Moment nicht ausatmen kann, wer nicht freigeben kann, dem nützt alle gespeicherte Spannung nichts. Kraft entsteht nicht nur durch Sammlung. Sie entsteht durch den richtigen Moment des Entlassens.
Umgekehrte Atmung
Beim Einatmen ziehst du den Bauch sanft ein. Beim Ausatmen schiebst du ihn sanft nach aussen.
Beginne mit nur vier bis sechs Atemzügen.
Atem und Schlag ohne Härte
Stelle dich stabil hin. Atme ruhig ein. Beim Ausatmen machst du eine einfache, klare Bewegung: Fauststoss, Handfläche, Schritt oder Schnittbewegung.
Der Ton darf entstehen, muss aber nicht laut sein.
静 · Beruhigen
Irgendwann wollte ich verstehen, warum der Atem beruhigt. Nicht als schönes Bild, sondern im Körper.
Als Masseur arbeite ich mit Menschen, deren Nervensysteme zwischen zwei Polen pendeln: Aktivierung und Beruhigung. Sympathikus und Parasympathikus. Spannung und Regeneration. Kampfbereitschaft und Verdauungsruhe. Wachsamkeit und Loslassen.
Ich kann nicht einfach per Befehl sagen: „Jetzt Parasympathikus." Aber ich habe einen Hebel: den Atem.
Die beiden Hälften des Atems sind nicht gleich. Beim Einatmen kann sich der Puls leicht beschleunigen. Beim Ausatmen verlangsamt er sich wieder. Das Herz schlägt also nicht vollkommen mechanisch, sondern reagiert fein auf den Atem.
Alles, was die Ausatmung weich verlängert, kann das Nervensystem in Richtung Ruhe verschieben. Nicht magisch. Nicht immer. Nicht bei jedem gleich. Aber oft erstaunlich direkt.
Darum wirkt ein Atem, dessen Aus länger ist als sein Ein, so tief. Ich ziehe damit nicht an einem spirituellen Vorhang, sondern an einer alten körperlichen Regulierung. Ein Faden, der tief im Nervensystem verankert ist.
Das Schwierige daran ist nicht die Technik. Das Schwierige ist der Widerstand.
Ein aufgewühlter Geist will nicht langsamer atmen. Er empfindet die Langsamkeit zuerst fast als Bedrohung. Als würde Ruhe bedeuten, die Kontrolle zu verlieren. Der erste lange Atemzug nach draussen fühlt sich manchmal an wie ein Sprung.
Aber er ist es,
der die Tür öffnet.
Die verlängerte Ausatmung
Atme vier Zählzeiten lang ein und sechs bis acht Zählzeiten lang aus. Das Aus ist länger als das Ein.
- Variante sanft: 3 ein, 5 aus.
- Variante klassisch: 4 ein, 8 aus.
Der physiologische Seufzer
Atme einmal durch die Nase ein. Bevor du ausatmest, nimmst du noch einen kleinen zweiten Atemzug oben drauf. Dann atmest du lang und vollständig aus.
Also: einatmen, kurz nachatmen, lange ausatmen.
Box-Atmung
Vier einatmen.
Vier halten.
Vier ausatmen.
Vier halten.
Ein klarer, gleichmässiger Rhythmus. Er beruhigt nicht nur, er sammelt auch.
4-7-8 als Einschlafritual
Atme vier Zählzeiten ein.
Halte sieben Zählzeiten.
Atme acht Zählzeiten aus.
Nur sanft üben. Wenn sieben Zählzeiten Halten zu lang sind, mach daraus 4-4-8 oder 4-2-6.
間 · Das Ma im Atem
Und es gibt einen Ort im Atem, der noch stiller ist als die Ausatmung selbst: den Raum danach.
Zwischen dem Ausatmen und dem nächsten Einatmen liegt ein kurzer Moment, in dem nichts geschieht. Meist überfliegen wir ihn. Wir eilen vom Aus zum Ein, als wäre die Leere ein Fehler.
Doch in den japanischen Künsten trägt dieser Zwischenraum einen Namen: Ma, 間. Nicht einfach Leere. Nicht einfach Pause. Sondern ein Zwischenraum, der Bedeutung trägt. In Architektur, Musik, Kampfkunst, Tee, Bewegung und Begegnung ist Ma der Raum, in dem etwas entstehen kann.
Auch der Atem hat sein Ma.
Wenn ich nach dem Ausatmen nicht halte, nicht presse, nicht kontrolliere, sondern nur warte, bis der nächste Atem von selbst kommen will, öffnet sich dieser stille Punkt. Der Körper ist ruhig. Der Geist wach. Nichts wird getan, und doch ist alles bereit.
Lange glaubte ich, das sei das Ende des Weges.
Bis ich merkte, dass genau dieser leere Raum der Ort ist, an dem zwei Menschen sich begegnen können.
Die Pause
Atme ruhig aus.
Warte danach einen Moment im Leeren. Du hältst die Luft nicht an. Du wartest nur, bis der nächste Atem von selbst kommen will.
Dann lässt du ihn kommen.
Der geteilte Atem
Die Brücke nach aussen
Alles, was ich bisher beschrieben habe, geschieht in einem einzigen Körper: meinem.
Doch das Tiefste, was ich über den Atem gelernt habe, habe ich nicht allein gelernt. Ich habe es am Seil gelernt. Mit einem anderen Menschen.
Liegt jemand in meinen Seilen, zählt mein Atem nicht mehr nur für mich.
響 · Gleichklang
Atem ist ansteckend.
Menschen gleichen Rhythmen einander an, oft ohne es zu merken: Stimme, Bewegung, Blick, Muskeltonus, Herzschlag, Atem. Nicht immer perfekt. Nicht wie zwei Metronome. Aber fein genug, dass der Körper des einen zum Hinweis für den Körper des anderen wird.
Beginne ich, langsam und tief zu atmen, sinkt nach einer Weile oft auch der Atem meines Gegenübers. Wir sind dann nicht „ein Nervensystem", aber wir werden für einen Moment gekoppelt. Zwei Körper, die sich gegenseitig regulieren.
Das ist mehr als ein schönes Bild. Ein Mensch, der gefesselt ist, ist verletzlich. Und Verletzlichkeit sucht einen Anker.
Sehr oft reguliert sich mein Gegenüber nicht über meine Worte, sondern über meinen Atem. Bleibe ich ruhig, kann auch der andere leichter ruhig bleiben. Werde ich unruhig, spürt er es vielleicht, bevor ich es selbst bemerke.
Diese geteilte Ruhe ist der Boden, auf dem Vertrauen, 信, überhaupt erst wächst.
Ohne sie ist alles, was ich mit dem Seil tue, nur Technik.
Und sie verlangt von mir, dass ich zuerst bei mir selbst ankomme. Hier zahlt sich jede Stunde auf dem Kissen aus.
Gemeinsam atmen
Setzt euch Rücken an Rücken, aufrecht und gelöst.
Eine Person atmet bewusst langsam und ruhig. Die andere sucht nur den gemeinsamen Takt, ohne Worte.
Nach einigen Minuten wechselt ihr.
Drei Atemzüge vor dem ersten Seil
Bevor das erste Seil den Körper berührt, nehmt ihr gemeinsam drei bewusste Atemzüge.
- Erster Atemzug: Ankommen.
- Zweiter Atemzug: Kontakt.
- Dritter Atemzug: Einverständnis.
Dann erst beginnt die Handlung.
導 · Führen
Mit der Zeit habe ich gelernt, diesen Gleichklang nicht nur entstehen zu lassen, sondern ihn achtsam zu führen.
Mein eigener Atem wird zum Instrument.
Atme ich langsamer, nehme ich mein Gegenüber mit nach unten, in die Tiefe, in die Stille. Hebe ich den Atem kaum merklich an, kann auch die Spannung steigen. Nicht durch Worte. Nicht durch Druck. Durch Rhythmus.
Am stärksten aber wirkt das Schweigen zwischen den Atemzügen: wieder das Ma.
Halte ich für einen Moment inne, bevor ich eine Wendung lege, spürt der andere die Spannung in der Pause. Der nächste Atemzug fällt anders aus. Erwartungsvoller. Wacher. Feiner.
Mit nichts als Atem, Timing und Stille kann ich ein Seufzen hervorrufen, ein Zittern, ein Loslassen der Schultern, ein Wachwerden der Haut.
Es ist kein Befehl.
Es ist ein Gespräch, das ohne Worte geführt wird. Und wie jedes gute Gespräch lebt es vom Einverständnis beider.
Ich übernehme Führung nur, weil mein Gegenüber sie mir anvertraut. Und ich gebe sie in dem Moment zurück, in dem sie zurückgenommen wird.
Führen heisst hier nicht,
über jemanden zu bestimmen.
Führen heisst, einen Rhythmus anzubieten,
dem zu folgen sich sicher anfühlt.
Atem führt Berührung
Eine Person sitzt oder liegt bequem. Die andere legt nur eine Hand auf Schulter, Rücken oder Arm.
Die führende Person atmet bewusst langsam. Jede Berührung beginnt auf einer Ausatmung. Jede Veränderung geschieht nach einer kleinen Pause.
Atem und Seiltempo
Beim Fesseln wird eine einfache Regel gesetzt:
Eine neue Handlung beginnt nur nach einer Ausatmung.
Nicht jeder Knoten. Nicht jeder Griff. Aber jede grössere Veränderung: drehen, senken, anheben, Zug verändern, Position wechseln.
感 · Durch die Empfindung
Und dann ist da die intensive Empfindung.
Eine anspruchsvolle Fessel. Eine Position, die der Körper nicht kennt. Das Gewicht, das auf einer schmalen Linie aus Seil ruht. Irgendwann meldet sich Belastung.
Hier zeigt der Atem seine vielleicht erstaunlichste Seite.
Wer gegen jede Empfindung anspannt, die Luft anhält, flach und schnell atmet, gibt der Belastung mehr Raum. Die Enge im Atem wird zur Enge im ganzen Körper. Der Reiz wächst an der eigenen Abwehr.
Wer aber lernt, in eine intensive Empfindung hinein auszuatmen, lang, bewusst, fast freiwillig, nimmt ihr oft die Schärfe.
Aber hier braucht es eine klare Unterscheidung.
Nicht jeder Schmerz ist eine Übung. Nicht jede Belastung ist ein Weg. Nicht jedes „Ich halte das schon aus" ist Mut.
Es gibt Empfindung, die gewählt, getragen und begleitet werden kann. Und es gibt Warnsignale: Taubheit, Kribbeln, elektrisches Ziehen, stechender Nervenschmerz, kalte Finger, Farbveränderung, Atemnot, Panik, Dissoziation, Übelkeit, Schwindel.
Bei Warnsignalen wird nicht geatmet, um länger auszuhalten.
Da wird gelöst.
安, Sicherheit, beginnt genau hier: nicht beim perfekten Knoten, sondern beim Zuhören. Beim Lesen des Atems. Beim Ernstnehmen des Körpers.
Manchmal trägt der Atem durch einen intensiven Moment wie ein Seil, an dem man sich Zug um Zug weiterhangelt.
Manchmal ist er das Gegenteil: ein Aufhören zu kämpfen. Ein Sich-Öffnen. Der Schmerz ist dann nicht mehr Feind, sondern nur noch Empfindung. Wärme. Druck. Grenze. Information.
Welcher Weg der richtige ist, entscheidet nicht der Kopf. Der Moment entscheidet. Und der Atem erzählt, was der Moment braucht.
In die Empfindung atmen
Diese Übung nur mit einer sicheren, nicht gefährlichen Empfindung machen. Zum Beispiel mit einer intensiven Dehnung, einer gehaltenen Position oder einem klar begrenzten Druck. Nicht mit Nervenreiz. Nicht mit Taubheit. Nicht mit Atemeinschränkung.
Atme lang und vollständig aus, als würdest du die Empfindung mit der Ausatmung umhüllen.
Die begleitende Person liest den Atem mit. Wird er flach, gepresst, hektisch oder verschwindet er, wird pausiert oder gelöst.
Der Ausatem als Exit
Vor einer intensiven Fessel wird vereinbart:
Wenn der Bottom dreimal hintereinander nicht mehr ruhig ausatmen kann, wird die Position verändert oder gelöst.
Nicht diskutieren. Nicht motivieren. Nicht „noch kurz". Drei verlorene Ausatmungen sind ein Signal.
聴 · Den Atem lesen
Doch der Atem ist nicht nur Werkzeug der Person in den Seilen. Er ist auch mein wichtigstes Instrument als der, der führt.
Ich sehe und höre den Atem meines Gegenübers die ganze Zeit: das Heben der Flanken, die Spannung im Hals, das Stocken vor einer Antwort, das plötzliche Schweigen des Körpers.
Wird der Atem flach, gepresst, abgehackt oder verschwindet er, erzählt er mir etwas, das Worte oft zu spät sagen: dass ein guter Schmerz in einen schlechten kippt, dass ein Nerv gereizt wird, dass eine Hand einschläft, dass Panik näher kommt, dass der Mensch sich innerlich entfernt.
Den Atem zu lesen heisst, sicher zu binden.
安, Sicherheit, beginnt nicht beim Seil. Sie beginnt beim Zuhören.
Und niemals würde ich den Atem eines Menschen führen, der mir nicht vorher gesagt hat, dass er geführt werden möchte.
Denn Atem ist intim. Atem ist verletzlich. Atem ist nahe am Innersten.
Wer damit arbeitet, trägt Verantwortung.
Atemprotokoll nach der Session
Nach einer Session werden nicht nur Technik und Gefühl besprochen, sondern auch der Atem.
Fragen:
- Wann wurde der Atem ruhig?
- Wann wurde er eng?
- Wann hast du ihn gehalten?
- Wann hast du dich getragen gefühlt?
- Wann war es zu viel?
- Was hat geholfen: Stimme, Pause, Berührung, Lösen, Nähe, Abstand?
解 · Loslassen
Es gibt ein Wort, das durch all diese Praktiken hindurchläuft, leise, fast unbemerkt: Loslassen.
Die Meditation lässt Kontrolle los. Das Tai Chi lässt Anspannung los. Das Kung Fu lehrt, im richtigen Moment freizugeben, was es gespeichert hat. Die Körperarbeit lässt Gewebe wieder antworten. Und am Seil lässt ein Mensch vielleicht das Schwerste los: sich selbst, für einen Moment, in die Hände eines anderen.
Immer ist es die Ausatmung, die stille Hälfte, die das Loslassen trägt.
So schliesst sich für mich ein Kreis.
Derselbe Atem, der mich auf dem Kissen das Lassen lehrte, der im Tai Chi die Bewegung trägt und im Kung Fu zur Kraft wird, verbindet am Seil zwei Menschen zu einem gemeinsamen Rhythmus.
Erst führt er nach innen, zu mir selbst.
Dann führt er wieder hinaus, zu einem anderen.
Und beides geschieht im selben leisen Moment:
wenn ich ausatme.
Vielleicht beginnt alles damit, dass wir lernen, ihn gehen zu lassen. Diesen einen, langen, ruhigen Atem nach draussen.
一期一会 · Ichigo ichie.
Diese eine Begegnung.
Dieser eine Atemzug.
So nie wieder.
— Stjepan
安 · Sicherheit beim Arbeiten mit Atem
Atemarbeit kann beruhigen, sammeln und verbinden. Sie kann aber auch intensiv werden. Darum gilt: keine forcierte Atmung, kein Atemhalten aus Leistungsdenken, keine Hyperventilation ohne fachliche Begleitung — und keine Atemführung ohne vorheriges Einverständnis.
Keine Atemtechnik ersetzt medizinische oder therapeutische Hilfe. Bei Schwindel, Kribbeln, Druck im Kopf, Panik, Brustenge, Übelkeit oder Taubheit: abbrechen, natürlich atmen, orientieren, lösen.
In Seilsituationen gilt: Der Atem ist ein Sicherheitssignal. Wenn er stockt, wird nicht „durchgezogen", sondern hingehört.
出典 · Fachliche Hinweise und Quellen
Diese Quellen dienten zur fachlichen Plausibilisierung der Aussagen zu Atemrhythmus, autonomem Nervensystem, Herz-Atem-Kopplung, ausatembetonten Atemtechniken, Schmerz und Sicherheit.
- Merck Manual Consumer Version: Control of Breathing. merckmanuals.com
- NCBI Bookshelf / StatPearls: Physiology, Respiratory Sinus Arrhythmia. ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK537011
- Stanford Medicine: Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal. med.stanford.edu
- PubMed: Slow deep breathing and pain modulation. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21939499
- Cleveland Clinic: Hyperventilation. my.clevelandclinic.org
- Japan House Los Angeles: A perspective on the Japanese concept of Ma. japanhousela.com