静 · Stille

Was mich zur Ruhe bringt

Ein Essay von Stjepan Palescak · ~ 8 Min. Lesezeit

Es gibt Orte im Leben, die verändern einen nicht laut. Sie kommen nicht mit Trommeln, Feuerwerk und grossen Versprechen. Sie wirken leise. Tief. Und manchmal merkt man erst viel später, was dort eigentlich mit einem passiert ist.

Für mich war China so ein Ort.

Seit meiner Reise nach China, zum Shaolin-Training bei meinem Urgrossmeister, hat sich vieles in mir verändert. Nicht von heute auf morgen. Nicht wie ein Schalter, der plötzlich umgelegt wurde. Sondern Schritt für Schritt. Atemzug für Atemzug. Bewegung für Bewegung.

Ich bin damals nicht nur dorthin gereist, um Kung Fu zu trainieren. Auch wenn das Training intensiv, fordernd und körperlich sehr prägend war. Ich bin dort auch mir selbst begegnet. Und das war vielleicht das strengste Training von allen.

In dieser Zeit habe ich bewusst begonnen, an mir selbst zu arbeiten. Ich habe Wände in meinem Kopf eingerissen, die ich vorher vielleicht gar nicht richtig sehen wollte. Ich habe mich alten Themen gestellt, meinen Traumata, meinen inneren Grenzen und all den kleinen Stimmen, die einem gerne zuflüstern, dass man etwas nicht schafft.

Einfach war das nicht.

Aber vielleicht war genau das der Punkt.

Ich war in einem Land, dessen Sprache ich nicht sprach. Ich konnte mich oft nur mit Händen, Füssen, Blicken und Gesten verständigen. Das nimmt einem sehr schnell die gewohnte Sicherheit. Man kann sich nicht mehr hinter schönen Worten verstecken. Man muss lernen zu beobachten. Zu spüren. Geduld zu haben. Und manchmal muss man einfach aushalten, dass man nicht sofort alles versteht.

Neben dem intensiven Kung-Fu-Training habe ich in China auch die Meditation tiefer für mich entdeckt. Nicht nur als Technik, sondern als Teil meines Lebens. Die klassische Sitzmeditation wurde wichtiger für mich, aber auch die Gehmeditation bekam eine ganz neue Bedeutung. Dieses bewusste Gehen. Schritt für Schritt. Ohne Eile. Ohne Ziel, das sofort erreicht werden muss. Nur der Moment, der Atem, der Körper und der Boden unter den Füssen.

Ich lernte dort, durchzubeissen, auch wenn es schwer wurde.

Und vor allem lernte ich Geduld.

Drei Bewegungen. Vier Stunden.

Ein Erlebnis ist mir bis heute besonders geblieben.

Am ersten Trainingstag musste ich meine aktuelle Taolu, also meine Form, vorzeigen. Danach zeigte mir mein Lehrer nur die ersten drei Bewegungen. Er korrigierte sie und sagte mir dann sinngemäss:

Trainiere nur das. Nichts anderes. Bis ich wiederkomme.

Also begann ich.

Immer und immer wieder dieselben drei Bewegungen.

Nach einer Stunde dachte ich: Das kann doch nicht sein.
Nach zwei Stunden fragte ich mich, was genau ich hier eigentlich mache.
Nach drei Stunden war ich irgendwo zwischen Frust, Zweifel und innerem Kopfschütteln.
Und nach vier Stunden kam er wieder.

In dieser Zeit ging mir vieles durch den Kopf. Ich dachte mehrfach: Ich packe das so nicht. Was soll das bringen? Warum nur diese drei Bewegungen? Warum nicht weiter? Warum nicht mehr?

Doch irgendwann passierte etwas.

Ich begann, die Bewegungen anders wahrzunehmen.

Am Anfang waren es einfach Abläufe. Positionen. Schritte. Techniken. Doch mit jeder Wiederholung wurden sie feiner. Tiefer. Ehrlicher. Ich merkte plötzlich, wenn etwas nicht ganz stimmte. Wenn die Spannung zu früh kam. Wenn der Atem nicht passte. Wenn die Haltung nicht sauber war. Wenn die Bewegung zwar äusserlich richtig aussah, sich innerlich aber nicht richtig anfühlte.

Da verstand ich zum ersten Mal wirklich, was mit dem Satz gemeint ist, der oft Bruce Lee zugeschrieben wird:

Fürchte dich nicht vor dem Menschen, der 1000 Schläge einmal übt. Fürchte dich vor dem Menschen, der einen Schlag 1000 Mal übt.

Dieser Satz hatte für mich danach ein anderes Gewicht.

Vorher war er klug. Nachher war er wahr.

Denn in diesen vier Stunden habe ich verstanden, dass Tiefe nicht durch Menge entsteht. Nicht dadurch, dass man möglichst viel macht, möglichst schnell weiterkommt oder ständig Neues sammelt. Tiefe entsteht durch Wiederholung. Durch Aufmerksamkeit. Durch Geduld. Durch die Bereitschaft, bei einer Sache zu bleiben, auch wenn das Ego längst weiterziehen möchte.

Dieses Verständnis hat mein Lernen verändert.

Und später auch mein Shibari.

Vom Kloster ins Seil

Ich begann, vieles aus dem Kung Fu, dem Qi Gong und dem Tai Chi in mein Fesseln einfliessen zu lassen. Nicht als Show. Nicht als künstliches Konzept. Sondern ganz natürlich. Über Bewegung. Haltung. Atem. Präsenz. Über den bewussten Umgang mit dem eigenen Körper und dem Körper des Menschen vor mir.

Im Shibari geht es für mich nicht nur um Technik. Natürlich sind saubere Seilführung, Sicherheit, Struktur und Wissen wichtig. Aber dahinter liegt noch etwas anderes. Eine Art innere Ruhe. Ein Zuhören mit den Händen. Eine Bewegung, die nicht hektisch ist, sondern geführt. Klar. Wach. Verbunden.

Die Geduld, die ich damals in China lernen musste, begleitet mich bis heute.

Sie zeigt sich, wenn ich Bewegungsabläufe wieder und wieder übe. Wenn ich eine Technik nicht nur können möchte, sondern verstehen will. Wenn ich beim Fesseln nicht einfach von Punkt A nach Punkt B hetze, sondern bewusst wahrnehme, was dazwischen passiert. Wie das Seil läuft. Wie der Körper reagiert. Wie sich Spannung verändert. Wie Atmung, Haltung und Berührung miteinander sprechen.

Diese Ruhe bringt mich immer wieder zu mir zurück.

Meditation, Kung Fu, Qi Gong, Tai Chi und Shibari sind für mich keine getrennten Welten. Sie berühren sich. Sie nähren sich gegenseitig. In allen geht es um Achtsamkeit, Präsenz, Wiederholung, Klarheit und Verbindung. Mit sich selbst. Mit dem Moment. Und mit dem Menschen, der einem gegenübersteht.

Ich glaube, wir leben oft in einer Welt, die uns ständig sagt, dass wir schneller werden müssen. Mehr leisten. Mehr wissen. Mehr zeigen. Mehr erreichen.

Aber manchmal liegt der wirkliche Fortschritt darin, langsamer zu werden.

Für mich ist das Ruhe.

Nicht Stillstand.
Sondern bewusste Tiefe.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Lektionen, die ich aus China mitgenommen habe:

Manchmal braucht es nicht mehr.
Manchmal braucht es weniger, aber dafür ganz.

— Stjepan

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