痛 · Itami — Schmerz

Schmerz im Shibari

Was wir fühlen und was wir daraus nicht wissen · Fachessay · ~ 14 Min. Lesezeit

Wenn ich fessle, möchte ich dem Menschen im Seil begegnen. Seiner Neugier, seinen Grenzen und dem, was zwischen uns entsteht. Schmerz kann zu dieser Begegnung gehören. Für manche ist er willkommen, für andere überhaupt nicht, und manchmal verändert sich das mitten in einer Session, obwohl beide zuvor etwas anderes erwartet haben.

Das darf so sein.

Schwierig wird es dort, wo wir aus einem Gefühl eine Gewissheit machen. «Es fühlt sich gut an» ist eine wertvolle Rückmeldung. Als Aussage darüber, ob ein Nerv gerade unter Druck steht oder eine Körperposition zu viel verlangt, reicht sie jedoch nicht aus. Genau diese Lücke interessiert mich: Wir können unserem Erleben vertrauen und zugleich anerkennen, dass es uns keinen vollständigen Einblick in den Körper gibt.

Tuschezeichnung: dunkle, wurzelartige Fäden gehen in einen goldenen Seilfaden über, der sich davonzieht.
Reiz und Erleben sind miteinander verbunden. Sie sind nicht identisch.

一 · Schmerz ist eine Erfahrung

Die internationale Schmerzgesellschaft IASP trennt Schmerz ausdrücklich von Nozizeption. Nozizeption bezeichnet die Verarbeitung tatsächlich oder potenziell gewebeschädigender Reize durch das Nervensystem. Schmerz bezeichnet dagegen eine persönliche sensorische und emotionale Erfahrung. Beides hängt zusammen, ist aber nicht dasselbe. Aus der Aktivität bestimmter Nervenzellen allein lässt sich nicht ablesen, was ein Mensch empfindet. [1]

Vereinfacht gesagt: Im Körper werden Reize aufgenommen und verarbeitet. Was du als Schmerz erlebst, lässt sich jedoch nicht wie eine Temperatur direkt an der belasteten Stelle ablesen. Die Verarbeitung schliesst Rückenmark und Gehirn ein; sie steht in Beziehung zu deiner Aufmerksamkeit und zur Bedeutung der Situation. Das ist ein körperlicher Vorgang. Keine Einbildung. [2, 3]

Mir ist dieser letzte Punkt besonders wichtig. Wer psychologische Einflüsse erwähnt, darf damit niemandem sein Erleben absprechen. «Das ist nur in deinem Kopf» wäre eine ziemlich bequeme Art, sich als fesselnde Person aus der Verantwortung zu stehlen. Dein Schmerz braucht keine Zustimmung von aussen, um ernst genommen zu werden. Du musst auch nicht erst eine Verletzung vorweisen können. Die IASP fordert ausdrücklich, die Schmerzaussage eines Menschen zu respektieren. [1, 2]

«Dein Schmerz braucht keine Zustimmung von aussen, um ernst genommen zu werden.»

二 · Wie stark es ist. Und ob du es willst.

Nun enthält die IASP-Definition den Begriff «unangenehm». Im Shibari hören wir gleichzeitig Sätze wie «Das tut weh, aber ich mag es». Diesen scheinbaren Widerspruch würde ich nicht wegdiskutieren. Eine einzelne Empfindung kann unangenehme Anteile haben, während die gesamte Erfahrung gewünscht ist. Vielleicht mag jemand die Herausforderung, vielleicht die Nähe zu einem bestimmten Menschen. Andere beschreiben tatsächlich ein lustvolles Schmerzempfinden. Die Wörter sind nicht bei allen gleich belegt, und keine Definition gibt uns das Recht, einer Person vorzuschreiben, wie sie ihr Erleben benennen muss. [2, 4]

Für unser Gespräch hilft es deshalb, genauer zu werden. Wie stark ist die Empfindung? Und wie willkommen ist sie gerade? Eine Intensität von sechs auf einer persönlichen Skala von null bis zehn kann gewünscht sein; eine Zwei kann bereits etwas sein, das jemand nicht erleben möchte. Diese Zahlen sind ein erfundenes Gesprächsbeispiel. Sie markieren keine sichere Belastung.

«Wenig» bedeutet auch nicht «du musst».

Die Frage nach dem Wollen bleibt eigenständig. Selbst wenn eine Empfindung körperlich aushaltbar wäre, schuldet sie dir niemand. Umgekehrt sagt ein begeistertes Ja noch nichts Verlässliches darüber aus, wie viel Belastung das Gewebe verträgt. Ich finde, diese Unterscheidung gehört mitten in unsere Fesselkultur und nicht erst in das Gespräch nach einem Zwischenfall.

Dass Kontext die Schmerzerfahrung verändern kann, wurde auch bei Menschen mit masochistischen Vorlieben untersucht. Sandra Kamping und ihr Forschungsteam berichteten 2016, dass Teilnehmende mit solchen Vorlieben schmerzhafte Reize im Zusammenhang mit masochistischen Bildern als weniger intensiv und weniger unangenehm bewerteten als die Kontrollgruppe. In den anderen untersuchten Bildkontexten zeigte sich dieser Unterschied nicht. [4]

Das ist interessant. Es widerspricht der bequemen Vorstellung, masochistische Menschen hätten grundsätzlich einen unempfindlicheren Körper. Gleichzeitig bleibt es eine begrenzte Laboruntersuchung mit ausgewählten Teilnehmenden und Bildreizen. Sie bildet keine ganze Seilsession ab und prüft keine sicheren Druckwerte, Positionen oder Belastungszeiten. Aus diesem Ergebnis lässt sich auch nicht ableiten, wie eine bestimmte Person heute auf dein Seil reagieren wird.

Für mich liegt der praktische Gedanke darin, Vorlieben genauer zu verstehen. Jemand kann einen bestimmten Schmerz mit einer vertrauten Person suchen und einen ähnlich beschriebenen Schmerz in einer anderen Situation ablehnen. Das ist kein Widerspruch, den wir auflösen müssen. «Du magst doch Schmerzen» ist deshalb eine denkbar schlechte Antwort auf ein Nein.

三 · Wenn Schmerz Lust macht

Dabei möchte ich einen Teil dieser Erfahrung ausdrücklich ernst nehmen: Schmerz kann selbst lustvoll sein. Für manche Menschen trägt er zur erotischen Spannung bei, und genau das kann auch im Shibari gewünscht sein. Wer darüber ausschliesslich als Aushalten spricht, verfehlt diese Seite des Erlebens. Allerdings ist Luststeigerung kein gemeinsames Ziel aller Menschen, die sich fesseln lassen. Das gehört vor einer Session ins Gespräch.

«Manche Menschen halten Schmerz aus. Andere suchen gerade das Lustvolle darin.»

Das darf schön sein.

Es macht einen Unterschied, ob jemand sagt: «Es tut weniger weh», oder: «Es tut weh, und darin liegt für mich etwas Schönes.» Und selbst eine als angenehm bewertete Empfindung ist noch kein Nachweis stärkerer sexueller Erregung. Diese Unterscheidung hilft, Forschung zu lesen, ohne aus jedem positiven Befund gleich ein Versprechen für die nächste Session zu machen.

Ein konkretes Beispiel liefert eine Untersuchung von Bettina Pollok und ihrem Team aus dem Jahr 2010. Sie rekrutierten unter anderem zehn Menschen mit masochistischen Vorlieben und eine passende Kontrollgruppe. Nach schmerzhaften Laserreizen bewerteten die Teilnehmenden sowohl die Schmerzstärke als auch die Angenehmheit. Auf einer Skala von minus zehn bis plus zehn lag die masochistische Gruppe im Mittel bei plus 4,5, die Kontrollgruppe bei minus 1,5. Die berichtete Schmerzstärke unterschied sich nicht signifikant. [8]

Hier wurde Schmerz also tatsächlich positiv bewertet. Die kleine Laborstudie untersuchte jedoch keine Fesselung und keine Zunahme sexueller Erregung; aus den Zahlen lässt sich deshalb weder ein bestimmter Seilreiz noch eine Intensität ableiten, die Lust erzeugen müsste. [8]

Ruth Defrin und Kollegen beschrieben 2015 ebenfalls ein aufschlussreiches Nebeneinander. Menschen mit masochistischer Praxis berichteten bei Alltagsschmerzen eine ähnliche Intensität und Unangenehmheit wie die Vergleichsgruppe, zugleich aber mehr Lust am Schmerz. [9] Das passt zu einer Erfahrung, für die unsere Alltagssprache oft zu grob ist: Etwas kann unangenehme Anteile behalten und trotzdem anziehend sein. Wir müssen das nicht zu einem einzigen Gefühl vereinfachen.

Auch körperliche Vorgänge während realer BDSM-Interaktionen wurden untersucht. Eine Pilotstudie von E. Wuyts und ihrem Team aus dem Jahr 2020 rekrutierte 35 BDSM-Paare sowie 27 Kontrollpersonen. Bei den submissiven Teilnehmenden stieg das Stresshormon Cortisol; auch bei körpereigenen Endocannabinoiden fanden sich Veränderungen. Diese Botenstoffe werden unter anderem im Zusammenhang mit Schmerzregulation und Belohnung untersucht. Die Autoren deuteten ihre Befunde als Hinweis auf belohnende Aspekte der Begegnung. [10]

Die Ergebnisse erzählen aber keine einfache Geschichte von «Schmerz setzt Endorphine frei und macht deshalb Lust». Für das gemessene Beta-Endorphin fand die Studie keine signifikanten Effekte. Bei den submissiven Teilnehmenden bestand auch kein statistischer Zusammenhang zwischen den untersuchten Blutwerten und der berichteten sexuellen Spannung. Die Begegnungen enthielten unterschiedliche Praktiken; der Beitrag des Schmerzes liess sich damit nicht sauber von der übrigen Situation trennen. Ein Blutwert ist kein direktes Mass für Lust. [10]

Für mich macht diese Unterscheidung das Thema spannender. Die Forschung gibt uns Anhaltspunkte dafür, dass Menschen Schmerz positiv erleben können und dass BDSM körperliche Systeme beeinflusst, die mit Belohnung zusammenhängen. Sie liefert uns bisher aus diesen Untersuchungen keine verlässliche Regel, mit welcher Fesselung sich sexuelle Erregung steigern lässt. Der Schritt von «kann lustvoll sein» zu «so erzeugst du Lust» wäre zu gross.

Im gemeinsamen Erleben würde ich deshalb genauer nachfragen: «Ist diese Intensität für dich angenehm, oder hältst du sie gerade aus?» Beides kann freiwillig sein. Es ist trotzdem nicht dasselbe. Wenn eine Person sagt: «Das ist intensiv, und es macht mich lustvoller», ist das eine wertvolle Beschreibung ihrer Erfahrung. Daraus entsteht noch kein Auftrag, die Intensität zu erhöhen.

Ich möchte Raum für diese Lust lassen, ohne daraus eine Leistung zu machen. Vielleicht trägt gerade die unveränderte Empfindung den Moment. Vielleicht braucht es weniger. Und selbst wenn Schmerz erwünscht ist und die Erregung wächst, bleibt die Frage nach der körperlichen Belastung offen. Eine neue Taubheit wird nicht harmlos, weil die Begegnung lustvoll ist.

四 · Wohin unsere Aufmerksamkeit geht

Auch Aufmerksamkeit verändert die Verarbeitung. In einer Untersuchung von Christian Sprenger und Kollegen aus dem Jahr 2012 erhielten Versuchspersonen Hitzereize, während sie unterschiedlich anspruchsvolle Gedächtnisaufgaben lösten. Bei hoher geistiger Beanspruchung waren Schmerzberichte und die gemessenen Reaktionen im zugehörigen Rückenmarksbereich vermindert. Die Ablenkung betraf also bereits die Verarbeitung eingehender Reize und nicht bloss das spätere Erzählen darüber. [3]

Eine Seilsession ist keine Gedächtnisaufgabe. Trotzdem hilft der Befund, eine Grenze unserer Wahrnehmung zu verstehen: Was stark im Vordergrund steht, kann beeinflussen, wie anderes erlebt wird. Im Seil kann sich die Aufmerksamkeit auf die Begegnung richten, auf eine Berührung oder auf die eigene innere Erfahrung. Wie stark das bei einer einzelnen Person geschieht, lässt sich aus der Laborstudie nicht vorhersagen.

Ich würde daraus keine Methode machen, jemanden von einem störenden Schmerz abzulenken. Sobald eine Stelle fragwürdig wird, verdient sie Aufmerksamkeit. Ein intensiver Moment ist kein guter Grund, eine Rückmeldung leiser zu drehen. Und wenn weniger Schmerz gemeldet wird, wissen wir zunächst nur, dass weniger Schmerz gemeldet wird. Ob die körperliche Belastung ebenfalls abgenommen hat, müssen wir davon getrennt betrachten.

五 · Schmerz ist kein Gewebetest

Hier wird die Unterscheidung sehr konkret. Periphere Nerven können durch Druck oder Zug geschädigt werden. Je nach betroffenen Nervenfasern können sich Probleme durch Schmerzen, veränderte Empfindung oder Schwäche zeigen. Starker Schmerz ist dabei keine Voraussetzung: Ein beeinträchtigter Nerv kann auch weniger Gefühl weitergeben. Taubheit ist deshalb keine Steigerung von Entspannung. [5, 6]

«Wie gut es sich anfühlt, beantwortet nicht, wie viel der Körper verträgt.»

Stellen wir uns eine Person vor, die sagt: «Der Druck ist gerade angenehm, aber zwei Finger fühlen sich irgendwie anders an.» Das ist ein erfundenes Beispiel, keine Diagnose. Als Rigger würde ich mich an der neuen Gefühlsveränderung orientieren und die betreffende Belastung sicher beenden. Ich würde nicht abwarten, ob aus dem «anders» irgendwann ein ausreichend überzeugender Schmerz wird.

Sofort reagieren

Neue Taubheit, Kribbeln oder ein elektrisierendes Gefühl sind Anlass, sofort zu reagieren und kontrolliert zu entlasten. Bei einer Aufhängung muss dabei der Körper gesichert bleiben. Neue Schwäche oder ein Bewegungsverlust verlangen eine umgehende medizinische Abklärung; anhaltende oder wiederkehrende Gefühlsstörungen gehören ebenfalls zeitnah abgeklärt. Die Fachinformationen zu Nervenverletzungen nennen solche Veränderungen ausdrücklich als Gründe, medizinische Hilfe zu suchen. [6, 7]

Fürs Fesseln leite ich daraus eine vorsichtige Konsequenz ab: Ein Symptom wird nicht dadurch unbedenklich, dass es noch erträglich ist. Und eine Stelle wird nach dem Lösen nicht sofort wieder belastbar, nur weil sie sich rasch besser anfühlt. Wir können am Seil keine Nervenschädigung ausschliessen. Auch ein kurzer Bewegungscheck ersetzt keine Untersuchung.

Die umgekehrte Richtung verdient ebenfalls Sorgfalt. Stärkerer Schmerz lässt sich nicht unmittelbar in einen grösseren Gewebeschaden übersetzen. Schmerz und nachweisbare Schädigung können auseinanderliegen; die IASP berücksichtigt diese Trennung ausdrücklich. [1, 2] Im konkreten Moment dürfen wir diese Erkenntnis aber nicht benutzen, um Beschwerden kleinzureden. «Schmerz bedeutet nicht immer Schaden» ist keine Einladung, eine schmerzhafte Fesselung fortzusetzen.

Unklar bleibt unklar.

六 · Meine Verantwortung als Rigger

Mir gefällt am Seil, dass wir aufeinander reagieren können. Dazu gehört, einen Plan zu verändern, bevor wir eine Erklärung für jedes Gefühl gefunden haben. Ein fragwürdiger Druck muss nicht erst anatomisch sauber benannt werden. «Hier stimmt etwas nicht» reicht als Rückmeldung, auch wenn der Mensch gerade keine besseren Worte hat.

Tuschezeichnung: ein goldener und mehrere dunkle Fäden verweben sich locker und lösen sich wieder.
Eine Pause lässt Raum für eine Antwort.

Als Rigger trage ich dabei eine Verantwortung, die sich nicht an ein Safeword abgeben lässt. Die Aufforderung «Sag einfach Stopp, wenn etwas ist» klingt zunächst offen, verlangt der gefesselten Person aber viel ab. Sie soll eine Veränderung bemerken, einordnen und rechtzeitig aussprechen, während ich vielleicht schon beim nächsten Übergang bin. Ich möchte das Safeword als zusätzliche Möglichkeit verstehen. Das aufmerksame Begleiten bleibt meine Aufgabe.

Auch Körpersprache lese ich mit Vorsicht. Ein stiller Mensch ist nicht automatisch ein entspannter Mensch. Geschlossene Augen erzählen mir nicht zuverlässig, ob jemand geniesst, sich konzentriert oder gerade Mühe hat, in Kontakt zu bleiben. Ich kann beobachten und nachfragen. Wissen kann ich es dadurch noch nicht vollständig.

Deshalb finde ich konkrete Fragen hilfreicher als ein beiläufiges «Alles gut?». Zum Beispiel: «Wie fühlt sich die Stelle am Arm jetzt an?» Die nächste Frage könnte lauten: «Hat sich etwas verändert?» Dazwischen braucht es Zeit für die Antwort. Wenn ich bereits weiterarbeite, während mein Gegenüber noch nach Worten sucht, habe ich zwar gefragt, aber wenig Raum zum Antworten gelassen.

Es darf auch eine klare Wahl geben: «Möchtest du das so, weniger oder aufhören?» Dabei muss jede Antwort tatsächlich willkommen sein. Wer ein «weniger» mit Enttäuschung quittiert, macht die nächste ehrliche Rückmeldung schwerer. Das ist für mich ein ganz praktischer Teil von Konsens: wie ich reagiere, wenn der Verlauf nicht meinen Vorstellungen entspricht.

七 · Im Seil musst du nichts beweisen

Für dich im Seil kann es entlastend sein, Empfindung und Wunsch getrennt auszusprechen. «Es ist intensiv, und ich möchte weniger» ist vollständig. «Es tut kaum weh, aber ich will raus» ebenfalls. Du brauchst weder eine bestimmte Zahl noch eine medizinische Begründung. Auch ein Gefühl, das du vor fünf Minuten noch gesucht hast, darf jetzt unerwünscht sein.

Und du musst nichts beweisen.

Gerade die Vorstellung, ein gutes Bunny müsse viel aushalten, finde ich problematisch. Sie macht aus einer Begegnung eine Prüfung. Wenn jemand länger stillhält, sagt das für sich genommen weder etwas über Vertrauen noch über die Qualität der Session aus. Mich interessiert mehr, ob ein Mensch in unserer Begegnung tatsächlich Einfluss nehmen kann. Ob sein Zögern etwas verändert. Ob ich ein Nein hören kann, ohne mich persönlich angegriffen zu fühlen.

«Du darfst weniger wollen, auch wenn du mehr aushalten könntest.»

八 · Worte, die etwas verändern dürfen

Ein weiterer Stolperstein ist unsere Sprache über «guten» und «schlechten» Schmerz. Als Beschreibung einer Vorliebe können diese Wörter nützlich sein. Als medizinische Kategorien taugen sie nicht. «Gut» kann bedeuten: vertraut, emotional passend, gerade gewollt. Es bedeutet nicht automatisch, dass die belasteten Strukturen unversehrt bleiben. Und selbst ein als dumpf oder angenehm beschriebener Druck wird dadurch nicht zu einer geprüften sicheren Belastung.

Ich würde deshalb im gemeinsamen Gespräch lieber ergänzen als korrigieren. Wenn du «guter Schmerz» sagst, möchte ich verstehen, was du damit meinst. Meinst du die Art der Empfindung? Oder dass du sie mit mir gerade erleben möchtest? Wir brauchen dafür kein Fachvokabular. Aber wir sollten merken, wenn wir dasselbe Wort für verschiedene Dinge benutzen.

Das lässt sich sogar ohne Seil üben. Nehmt euch vor einer Session einen Moment und sprecht darüber, wie ihr eine kleine Veränderung mitteilen möchtet. Eine Person sagt beispielsweise: «Ich weiss noch nicht, ob ich das weiter möchte.» Die andere antwortet, ohne zu überreden, und benennt eine konkrete Handlung: «Dann unterbrechen wir und nehmen die Belastung weg.» Ihr müsst dafür keinen Schmerz erzeugen. Ihr übt, wie Unsicherheit bei euch aufgenommen wird.

Ich halte das für wertvoller als den Versuch, möglichst hohe Schmerzwerte auszuhalten. Ihr lernt etwas über eure Zusammenarbeit. Vielleicht bemerkt ihr, dass eine Person rasch beschwichtigt, während die andere vorschnell beruhigen möchte. Dann habt ihr etwas, worüber ihr reden könnt, bevor eine Fesselung eure Bewegungsfreiheit einschränkt.

Auch nach dem Ablegen der Seile bleibt dieses Gespräch offen. Beim Nachfragen interessiert mich, ob eine Stelle noch auffällt und ob im Verlauf etwas schwer auszusprechen war. Eine schöne Erinnerung und körperliche Beschwerden können gleichzeitig bestehen. Neue oder bleibende Gefühlsstörungen und Schwäche werden durch eine gute Nachbesprechung nicht medizinisch geklärt. Dafür braucht es Fachpersonen. [6, 7]

Vielleicht besteht die unangenehmste Einsicht für uns Rigger darin, dass Nähe unsere Unsicherheit nicht aufhebt. Wir können sehr aufmerksam sein und trotzdem etwas übersehen. Deshalb möchte ich Vertrauen nicht daran messen, wie selten jemand unterbricht. Mich interessiert der Moment, in dem eine Person sagt: «Warte. Hier fühlt sich etwas anders an.»

Dann kann der nächste Knoten warten.

典 · Quellen und fachliche Einordnung

Die Zahlen im Text verweisen auf die folgenden Quellen. Die Gesprächsbeispiele sind erfunden; die Übertragung auf Shibari ist eine praktische Einordnung, keine wissenschaftlich geprüfte Sicherheitsmethode. Der Beitrag ersetzt keine medizinische Untersuchung oder praktische Ausbildung.

  1. [1] International Association for the Study of Pain — Terminology. Definitionen von Pain, Nociception und weiteren Schmerzbegriffen. iasp-pain.org/resources/terminology
  2. [2] Raja SN et al. (2020) — The revised International Association for the Study of Pain definition of pain: concepts, challenges, and compromises. Pain 161(9), 1976–1982. doi.org/10.1097/j.pain.0000000000001939
  3. [3] Sprenger C et al. (2012) — Attention modulates spinal cord responses to pain. Current Biology 22(11), 1019–1022. doi.org/10.1016/j.cub.2012.04.006
  4. [4] Kamping S et al. (2016) — Contextual modulation of pain in masochists: involvement of the parietal operculum and insula. Pain 157(2), 445–455. pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4795098
  5. [5] National Institute of Neurological Disorders and Stroke — Peripheral Neuropathy. Fachinformation zu peripheren Nerven, Ursachen und unterschiedlichen Symptomen. ninds.nih.gov/health-information/disorders/peripheral-neuropathy
  6. [6] American Society for Surgery of the Hand (2020) — 4 Signs You May Have Nerve Damage. Hinweise auf Gefühlsveränderungen, Schwäche und Bewegungsausfälle. assh.org/handcare/blog/4-signs-you-may-have-nerve-damage
  7. [7] Mayo Clinic — Peripheral nerve injuries: Symptoms and causes. Symptome und Empfehlung zur medizinischen Abklärung. mayoclinic.org/diseases-conditions/peripheral-nerve-injuries
  8. [8] Pollok B et al. (2010) — Differential Effects of Painful and Non-Painful Stimulation on Tactile Processing in Fibromyalgia Syndrome and Subjects with Masochistic Behaviour. PLoS ONE 5(12), e15804. doi.org/10.1371/journal.pone.0015804
  9. [9] Defrin R et al. (2015) — Attitudes and emotions towards pain and sensitivity to painful stimuli among people routinely engaging in masochistic behaviour. European Journal of Pain 19(9), 1321–1330. doi.org/10.1002/ejp.662
  10. [10] Wuyts E et al. (2020) — Between Pleasure and Pain: A Pilot Study on the Biological Mechanisms Associated With BDSM Interactions in Dominants and Submissives. The Journal of Sexual Medicine 17(4), 784–792. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32044259
Hinweis

Quellen geprüft am 24. September 2026. Die abstrakten Illustrationen sind Bildmetaphern und zeigen keine anatomischen Verläufe.