Manchmal beginnt die grösste Reise nicht mit einem Schritt.
Sondern mit einem Stand.
Es gibt Momente im Training, die sehen von aussen unspektakulär aus. Ein Mensch steht da. Die Füsse breit. Die Knie gebeugt. Der Rücken aufgerichtet. Kein Sprung, kein Schlag, keine grosse Technik. Nur ein Stand.
Und trotzdem kann genau dieser Stand alles verändern.
Bei mir war es Mabu. Der Reiterstand. Einer der ersten Grundstände, die ich im Kung Fu lernte. In meiner ersten Unterrichtsstunde stellte ich mich hin, so wie es sich für mich richtig anfühlte. Ich hatte meinem Shifu zugehört, seine Worte aufgenommen und dachte: Ja, so müsste es passen.
Dann kam er zu mir. Er korrigierte mich. Mein Stand war zu breit. Zu hoch. Meine Haltung war nicht sauber. Mein Körper war nicht dort, wo ich glaubte, dass er sei. Und in diesem Moment merkte ich zum ersten Mal, wie wenig ich meinen eigenen Körper wirklich spürte.
Für mich fühlte es sich richtig an. Und trotzdem war es falsch. Nicht falsch im Sinne von Versagen. Sondern falsch im Sinne von: Da beginnt jetzt etwas. Da öffnet sich eine Tür. Und dahinter wartet nicht einfach eine Technik, sondern ein ganzes Universum aus Wahrnehmung, Geduld und ehrlicher Körperarbeit.
形 · Was ist Mabu eigentlich?
Mabu wird oft als Pferde- oder Reiterstand übersetzt. In vielen Kung-Fu-Stilen gehört er zu den grundlegenden Ständen. Er dient nicht nur dem Aufbau von Kraft in Beinen und Rücken, sondern auch der Stabilität, Koordination, Verwurzelung und dem besseren Verständnis des eigenen Körperschwerpunktes.
Von aussen betrachtet wirkt Mabu schnell simpel: breit stehen, Knie beugen, Rücken gerade halten. Doch wer länger darin steht, merkt bald, dass dieser Stand nicht simpel ist. Er ist ehrlich. Er nimmt dir jede Ausrede. Er zeigt dir, wo du weich wirst, wo du ausweichst, wo du kompensierst, wo du Spannung hältst und wo du dich selbst nicht spürst.
Mabu ist kein Foto.
Mabu ist ein Gespräch.
Zwischen Fuss und Boden. Zwischen Knie und Hüfte. Zwischen Becken und Wirbelsäule. Zwischen Atem und Wille. Zwischen dem, was du glaubst zu tun, und dem, was dein Körper tatsächlich macht.
忍 · Die ersten Jahre: stehen, brennen, weitermachen
Wir begannen, Mabu in jedem Training zu üben. Immer wieder. Training für Training. Und ich begann auch privat damit.
Ich stand. Ich korrigierte. Ich schwitzte. Ich fluchte innerlich vermutlich mehr als einmal. Und trotzdem blieb ich dran.
Mit der Zeit wurde der Stand vertrauter. Die Beine wurden stärker. Der Körper gewöhnte sich an die Position. Der Schmerz wurde nicht einfach weniger, aber er wurde anders. Er war nicht mehr nur Widerstand. Er wurde Information.
Nach drei Jahren regelmässigem Mabu-Training dachte ich irgendwann: Jetzt habe ich es. Jetzt kann ich diesen Stand.
Dann kam mein Shifu wieder. Und sagte sinngemäss: Jetzt können wir anfangen, Mabu tiefer zu analysieren.
In diesem Moment fiel innerlich eine kleine Tempelglocke vom Regal. Drei Jahre Arbeit. Drei Jahre stehen. Drei Jahre üben. Und jetzt fangen wir erst an?
Ja. Genau da begann für mich die eigentliche Reise.
微 · Die Mikroarbeit — wenn ein Millimeter ein ganzer Berg wird
Plötzlich ging es nicht mehr nur darum, tief zu stehen. Es ging nicht mehr nur um Kraft, Durchhalten oder Disziplin. Es ging um Kleinigkeiten.
Um das Becken. Um die Knie. Um die Füsse. Um die Spannung im unteren Rücken. Um das Brustbein. Um die Schultern. Um den Atem. Um die Frage, ob ich wirklich im Stand bin oder nur eine Form nachahme.
Wir veränderten Dinge, die von aussen kaum sichtbar waren. Kleine Korrekturen. Minimale Verschiebungen. Ein anderes Sinken. Ein anderes Aufrichten. Ein bewussteres Verteilen des Gewichts.
Und plötzlich war alles anders. Ein kleiner Winkel im Knie veränderte den Druck in den Füssen. Eine kleine Veränderung im Becken veränderte den Rücken. Ein entspannterer Brustkorb veränderte den Atem. Ein bewussterer Stand veränderte die innere Haltung.
Körperarbeit beginnt nicht dort, wo es spektakulär aussieht.
Sie beginnt dort, wo man bereit ist, genauer hinzuspüren.
図 · Alte Erklärzeichnungen und lebendige Praxis
In vielen alten Kampfkunsttraditionen findet man Zeichnungen von Grundhaltungen, Körperlinien und Prinzipien. Solche Bilder sind selten als fertige Gebrauchsanweisung zu verstehen. Sie sind eher wie kleine Tore: eine Form, ein Hinweis, eine Richtung.
Eine Zeichnung kann zeigen, wo Knie, Füsse, Becken oder Rücken ungefähr sein sollen. Aber sie kann dir nicht abnehmen, selbst in den Stand zu gehen. Sie kann dir nicht sagen, wie sich dein Atem heute anfühlt. Sie kann nicht für dich merken, wo dein Körper ausweicht.
Genau deshalb liebe ich solche einfachen Erklärbilder. Sie geben Orientierung, aber sie ersetzen keine Praxis. Sie zeigen eine Landkarte.
Gehen musst du selbst.
姿 · Vom Stand zur Haltung
Mit der Zeit wurde Mabu für mich mehr als ein Grundstand.
Natürlich bleibt er Technik. Natürlich geht es um Ausrichtung, Stabilität, Kraft, Gelenke, Atmung und saubere Struktur. Aber irgendwann wurde daraus auch eine Frage:
Wie stehe ich eigentlich im Leben?
- Weiche ich aus, wenn es unbequem wird?
- Halte ich Spannung, wo ich loslassen könnte?
- Drücke ich mich tiefer, obwohl mein Körper gerade etwas anderes braucht?
- Bin ich wirklich präsent oder nur irgendwie anwesend?
- Stehe ich stabil oder spiele ich Stabilität?
Mabu zeigte mir nicht nur meine Beine.
Mabu zeigte mir meine Muster.
Und genau das liebe ich an echter Kampfkunst. Sie hört nicht an der Matte auf. Sie geht mit dir nach Hause. Sie sitzt mit dir im Alltag. Sie steht neben dir, wenn du Entscheidungen triffst. Sie zeigt sich in Gesprächen, in Konflikten, in Beziehungen, in deiner Arbeit, in deiner Kunst.
Der Stand wird zur Haltung. Und Haltung ist nie nur körperlich.
縄 · Die Brücke zum Shibari
Heute merke ich diese Erfahrung auch stark in meinem Shibari.
Es gibt Bewegungen, die habe ich schon tausende Male gemacht. Vielleicht zehntausende Male. Eine Führung des Seils. Ein Zug. Eine Umlenkung. Eine Handbewegung. Ein Moment, in dem ich den Körper meines Gegenübers lese. Eine kleine Veränderung der Spannung.
Und trotzdem finde ich immer wieder neue Nuancen. Ein Millimeter verändert das Gefühl. Ein anderer Winkel verändert die Atmung. Ein ruhigerer Zug verändert die ganze Energie. Ein bewussteres Halten verändert das Vertrauen.
Wie im Mabu geht es auch im Shibari nicht darum, einfach nur etwas zu können. Es geht darum, wach zu bleiben. Nicht einzuschlafen in der Wiederholung. Nicht zu denken: Das kann ich jetzt.
Denn genau in diesem Moment wird es gefährlich langweilig.
Die Wiederholung ist kein Kreisverkehr.
Sie ist eine Spirale.
Du kommst immer wieder an derselben Stelle vorbei,
aber jedes Mal auf einer anderen Tiefe.
情 · Schmerz, Freude, Lust, Trauer
Meine Quintessenz ist heute klar:
Mabu ist nicht nur ein Stand.
Mabu kann Schmerz sein. Mabu kann Freude sein. Mabu kann Lust sein. Mabu kann Trauer sein. Mabu kann Widerstand sein. Mabu kann Ruhe sein. Mabu kann ein Spiegel dessen sein, worin du gerade stehst.
Es gibt Tage, da ist Mabu Kampf. Es gibt Tage, da ist Mabu Meditation. Es gibt Tage, da ist Mabu Demut. Und manchmal ist Mabu einfach nur ehrlich.
Du gehst in den Stand und merkst sofort: Heute bin ich nicht gesammelt. Heute bin ich unruhig. Heute will mein Kopf schneller sein als mein Körper. Heute halte ich zu viel. Heute fehlt mir Boden.
Und genau dann beginnt Training. Nicht, wenn alles perfekt läuft. Sondern wenn du merkst, was wirklich da ist.
師 · Mabu ist nicht gleich Mabu
Früher dachte ich, Mabu sei eine Position. Heute glaube ich: Mabu ist ein Lehrer.
Ein strenger Lehrer, ja. Einer, der nicht viel redet. Einer, der dich nicht mit schönen Worten tröstet. Einer, der dich einfach stehen lässt, bis du beginnst, dir selbst zuzuhören.
- Mabu lehrt Geduld.
- Mabu lehrt Demut.
- Mabu lehrt Struktur.
- Mabu lehrt Präsenz.
- Mabu lehrt, dass Wiederholung nicht Stillstand bedeutet.
- Mabu lehrt, dass Tiefe nicht immer lauter wird. Manchmal wird sie leiser.
Und vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt: Mabu ist nicht gleich Mabu, weil wir selbst nicht jeden Tag gleich sind.
Der Stand verändert sich mit uns. Unser Körper verändert sich. Unser Bewusstsein verändert sich. Unsere Geschichte steht mit uns im Raum.
Und irgendwann merkst du:
Du übst nicht mehr nur den Stand.
Du übst dich selbst.
Mabu ist kein Foto. Mabu ist ein Gespräch zwischen dem, was ich glaube zu tun, und dem, was mein Körper wirklich zeigt.
— Stjepan