一期一会 · Ichigo Ichie

Ichigo Ichie: Was dieser Satz für meine Arbeit bedeutet

Ein Essay von Stjepan Palescak · ~ 10 Min. Lesezeit

Manche Sätze begleiten einen nicht, weil sie laut sind. Sie bleiben, weil sie etwas in einem berühren, das schon lange da war.

Ichigo Ichie ist so ein Satz für mich.

Wörtlich wird es oft übersetzt mit:

Einmal. Eine Begegnung.
Oder freier gesagt:
Dieser Moment kommt nie wieder genau so zurück.

Das klingt im ersten Moment vielleicht schlicht. Fast zu einfach. Doch je länger ich mich mit Menschen, Seilen, Fotografie, Bewegung und Begegnungen beschäftige, desto mehr merke ich, wie viel Wahrheit in diesem Gedanken liegt.

Denn eigentlich ist jeder Moment einmalig.

Nicht nur die grossen. Nicht nur die dramatischen. Nicht nur die, die mit Feuerwerk und Herzklopfen daherkommen. Auch die stillen. Die leisen. Die kleinen Momente, die man fast übersieht, wenn man innerlich zu laut unterwegs ist.

All das passiert nicht zweimal gleich.

Und genau darum ist Ichigo Ichie für meine Arbeit so wichtig geworden.

Begegnung statt Ablauf

In meiner Arbeit mit Shibari, Fotografie und Coaching geht es für mich nie nur um Technik.

Natürlich ist Technik wichtig. Sehr sogar. Ich liebe saubere Bewegungsabläufe, klare Strukturen, gutes Timing, präzise Seilführung und das Wissen, warum etwas funktioniert. Ohne dieses Fundament wird Tiefe schnell zu Theater und Sicherheit zu Wunschdenken.

Aber Technik alleine reicht nicht.

Man kann technisch korrekt fesseln und trotzdem nicht wirklich da sein.
Man kann ein Bild fotografieren und trotzdem keinen Menschen sehen.
Man kann einen Workshop geben und trotzdem nur Inhalte abspulen.

Für mich beginnt die eigentliche Arbeit dort, wo der Ablauf aufhört und die Begegnung beginnt.

Wenn ich mit einem Menschen arbeite, egal ob vor der Kamera, im Seil oder im Coaching, dann ist dieser Moment nicht einfach wiederholbar. Auch wenn wir dieselbe Technik üben. Auch wenn wir dieselbe Pose bauen. Auch wenn wir denselben Ablauf noch einmal machen.

Der Mensch ist nicht derselbe wie gestern.
Ich bin nicht derselbe wie gestern.
Der Raum ist anders.
Die Stimmung ist anders.
Der Atem ist anders.

Und genau darin liegt für mich die Magie.

Nicht im Perfekten.
Sondern im Echten.

Seil als Gespräch

Shibari ist für mich ein Gespräch.

Nicht immer mit Worten. Oft sogar ganz bewusst ohne viele Worte. Das Seil wird dann zu einer Sprache, die viel feiner ist als ein Satz. Es spricht über Spannung, Richtung, Rhythmus, Vertrauen und Widerstand.

Wenn ich fessle, versuche ich nicht einfach, eine Form über einen Menschen zu legen. Ich möchte spüren, was gerade möglich ist. Was dieser Moment braucht. Wo Spannung entstehen darf und wo sie zu viel wird. Wo Führung klar sein muss und wo es Raum braucht.

Das ist für mich Ichigo Ichie.

Nicht: Ich habe diese Fesselung schon hundertmal gemacht.
Sondern: Ich mache sie jetzt mit genau diesem Menschen, in genau diesem Moment, mit genau dieser Energie.

Und dieser Moment kommt so nicht wieder.

Fotografie und der eine Augenblick

Auch in der Fotografie begleitet mich dieser Gedanke sehr stark.

Ein Foto ist im Grunde ein eingefangener Abschied.

Der Moment ist schon vorbei, sobald er festgehalten wurde. Das Licht verändert sich. Der Ausdruck verändert sich. Die Spannung im Gesicht, die Haltung des Körpers, der Blick, die kleine Unsicherheit oder die plötzliche Ruhe, alles ist flüchtig.

Vielleicht liebe ich genau das an der Fotografie.

Sie zwingt mich, wach zu sein.

Nicht nur zu schauen, sondern wirklich zu sehen. Nicht nur den Körper, die Pose oder das Licht, sondern den Menschen dahinter. Die feinen Zwischentöne. Den kurzen Moment, in dem jemand nicht mehr versucht, etwas darzustellen, sondern einfach ist.

Solche Momente kann man nicht erzwingen.

Man kann einen Raum dafür schaffen.
Man kann Vertrauen aufbauen.
Man kann führen, halten, ermutigen.
Aber der echte Moment kommt von selbst.

Und wenn er kommt, muss man da sein.

Nicht halb. Nicht nebenbei. Nicht schon im nächsten Gedanken.
Sondern wirklich da.

Was bleibt, wenn nichts wiederholbar ist?

Ich glaube, viele Menschen suchen Sicherheit darin, Dinge wiederholen zu können.

Den gleichen Ablauf.
Die gleiche Technik.
Das gleiche Ergebnis.
Die gleiche Kontrolle.

Ich verstehe das gut. Auch ich liebe Struktur. Ich liebe Training. Ich liebe Wiederholung. Ohne Wiederholung gäbe es keine Tiefe. Das habe ich im Kung Fu, im Qi Gong, in der Meditation und im Shibari immer wieder gelernt.

Aber Wiederholung bedeutet nicht, dass etwas gleich bleibt.

Man übt dieselbe Bewegung tausendmal und merkt irgendwann, dass keine einzige Wiederholung identisch war. Mal ist der Atem anders. Mal ist der Fokus klarer. Mal ist der Körper müder. Mal versteht man plötzlich etwas, das vorher nur Theorie war.

Genau dort entsteht Tiefe.

Nicht weil man etwas kopiert.
Sondern weil man immer genauer wahrnimmt.

Ichigo Ichie bedeutet für mich deshalb nicht, dass man nichts planen soll. Es bedeutet nicht, dass alles spontan, chaotisch oder esoterisch weichgespült sein muss. Ganz im Gegenteil.

Je einmaliger ein Moment ist, desto mehr Verantwortung trage ich dafür.

Denn wenn ein Mensch mir Vertrauen schenkt, dann ist auch das einmalig.

Im TimeOut

Vielleicht ist genau das auch ein grosser Teil dessen, was ich im TimeOut schaffen möchte.

Einen Raum, in dem Menschen nicht einfach konsumieren.
Nicht einfach schnell etwas lernen, schnell ein Bild machen, schnell eine Erfahrung abhaken.

Sondern einen Raum, in dem Begegnung möglich wird.

Für mich ist ein Ropejam nicht einfach ein Abend mit Seilen.
Ein Workshop ist nicht einfach ein Kurs.
Ein Shooting ist nicht einfach ein Termin.

Es sind Begegnungen.

Und jede davon trägt etwas Eigenes in sich.

Manchmal ist es Leichtigkeit.
Manchmal Tiefe.
Manchmal Unsicherheit.
Manchmal Humor.
Manchmal Stille.
Manchmal ein kleiner innerer Knoten, der sich nicht im Seil löst, sondern irgendwo im Menschen.

Das kann man nicht planen.
Aber man kann offen genug sein, es zu bemerken.

Warum mir dieser Satz wichtig ist

Ichigo Ichie erinnert mich daran, nicht abzustumpfen.

Denn sobald ich glaube, einen Moment schon zu kennen, bin ich eigentlich nicht mehr richtig anwesend.

Dieser Satz erinnert mich daran, langsamer zu werden. Bewusster zu schauen. Besser zuzuhören. Nicht nur mit den Ohren, sondern mit den Händen, dem Körper, dem Bauchgefühl und manchmal auch mit der stillen Ecke im Herzen, die mehr mitbekommt, als der Kopf zugeben möchte.

Er erinnert mich daran, dass meine Arbeit nicht nur daraus besteht, Seile zu legen, Bilder zu machen oder Wissen weiterzugeben.

Meine Arbeit besteht darin, Räume zu schaffen.

Einmal. Eine Begegnung.

Vielleicht ist das am Ende die schönste und strengste Lektion zugleich.

Nichts ist selbstverständlich.

Nicht der Mensch vor mir.
Nicht das Vertrauen.
Nicht der gemeinsame Atem.
Nicht die Zeit.
Nicht der Raum.
Nicht die Möglichkeit, etwas miteinander zu teilen.

Wenn ich Ichigo Ichie ernst nehme, dann bedeutet das für mich:

Nicht perfekt.
Aber ehrlich.

Denn vielleicht ist genau das, was meine Arbeit im Kern ausmacht:

Die Verbindung von Handwerk und Haltung.
Von Technik und Gefühl.
Von Struktur und Präsenz.
Von Seil und Mensch.

Und manchmal reicht ein einziger Moment, um etwas zu berühren, das lange nachklingt.

Einmal.
Eine Begegnung.
Nie wieder genau gleich.

Ichigo Ichie.

— Stjepan

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