焦点 · Shōten — Fokus

Ergebnisfokus und Prozessfokus im Shibari

Wie Rigger und Bunny ihre Aufmerksamkeit einsetzen · Fachessay · ~ 16 Min. Lesezeit

Seit 2012 begleiten mich die Seile. Mein Blick auf das Fesseln hat sich in dieser Zeit verändert, und während ich früher stark auf Technik und fertige Fesselungen geschaut habe, interessiert mich heute besonders, was zwischen zwei Menschen geschieht. Technik bleibt dabei wichtig. Aber eine gelungene Form erzählt noch nicht die ganze Geschichte einer Session.

Für eine Session, in der Begegnung und gemeinsames Erleben im Vordergrund stehen, möchte ich dem Prozess mehr Gewicht geben. Gleichzeitig halte ich ein klares Ziel für hilfreich, wenn wir eine Technik üben oder gemeinsam ein bestimmtes Bild gestalten wollen. Beides darf seinen Platz haben. Entscheidend ist für mich, ob das Ziel noch zu den Menschen passt, die gerade miteinander fesseln.

Bleistiftzeichnung eines losen Seils, das sich zu einer offenen Schlaufe legt.

一 · Was die beiden Fokusarten bedeuten

Mit Fokus meine ich, worauf sich unsere Aufmerksamkeit während einer Session richtet und woran wir unsere nächsten Entscheidungen ausrichten. Das ist ein Schwerpunkt. Er kann wechseln.

Ergebnisfokus, auf Englisch Outcome Focus, richtet die Aufmerksamkeit auf einen angestrebten Endzustand und darauf, ob wir ihm näherkommen. Im Vordergrund steht das gewünschte Resultat. Das kann eine vereinbarte Fesselung oder ein Foto sein; auch „Ich möchte mich danach ruhig fühlen“ beschreibt ein Ergebnis, obwohl es von aussen kaum sichtbar ist.

Prozessfokus, auf Englisch Process Focus, richtet die Aufmerksamkeit stärker auf das laufende Tun und Erleben. Als Rigger achte ich etwa darauf, wie meine Seilführung ankommt, und passe den nächsten Schritt an diese Rückmeldung an. Im Seil könnte es heissen: „Ich bemerke, was sich für mich verändert, und sage, wenn ich etwas anderes brauche.“

Der Verlauf gibt Orientierung.

Ziel und Fokus gehören zusammen, sind aber verschieden. Wir können eine bestimmte Fesselung vereinbaren und unterwegs ganz bei der Ausführung und beim Kontakt bleiben. Das Ziel bleibt im Blick. Unsere Aufmerksamkeit liegt überwiegend beim Prozess. Auch eine genaue technische Übung kann deshalb prozessorientiert sein, wenn wir bewusst an ihrer Ausführung arbeiten.

Mit diesen Begriffen beschreibe ich Ausrichtungen beim Fesseln, keine festen Menschentypen. Ergebnisfokus bedeutet für mich auch keinen Zwang zum Fertigwerden. Und Prozessfokus verlangt keine Ziellosigkeit. Ob daraus Druck entsteht, hängt unter anderem daran, wie verbindlich wir unsere Erwartungen machen und ob wir sie noch verändern dürfen.

Dabei lohnt es sich, beide Seiten einzeln anzuschauen. Mit Rigger meine ich hier die Person, die fesselt, mit Bunny die Person im Seil. Beide bringen Wünsche mit. Und manchmal denken wir, wir hätten dieselbe Session vereinbart, obwohl in unseren Köpfen zwei ziemlich unterschiedliche Filme laufen.

二 · Der Fokus des Riggers

Als Rigger kann ich mit einer klaren Vorstellung beginnen: Heute möchte ich diese eine Fesselung sauber umsetzen. Vielleicht reizt mich ihre Form, vielleicht übe ich einen Ablauf, den ich endlich besser verstehen möchte. Als Fotograf finde ich den Wunsch nach einem bestimmten Bild ohnehin nachvollziehbar. Ich darf mich auf ein Ergebnis freuen.

Bleistiftzeichnung zweier Hände, die sich ein Seil von einer zur anderen reichen.
Ein Plan darf sich durch eine Rückmeldung verändern.

Wenn ich auf das Ergebnis schaue

Ein konkretes Ziel kann meine Arbeit übersichtlicher machen. Ich weiss, womit ich beginnen möchte, und muss nicht nach jedem Handgriff neu überlegen, wohin die Reise gehen soll. Wenn ich einen vertrauten Ablauf wiederhole, kann ich ausserdem erkennen, was bereits gelingt und wo mir noch Verständnis fehlt. Dieses Gefühl, etwas besser zu können, darf Freude machen.

Nehmen wir eine gemeinsame Fotoidee. Mein Bunny mag die geplante Form, ich habe eine Vorstellung von den Seillinien, und wir wollen schauen, ob wir dieses Bild zusammen gestalten können. Dann gehört das Ergebnis zu unserer Begegnung. Wir arbeiten an etwas, das uns beiden gefällt.

Knifflig wird es, wenn ich innerlich schon beim fertigen Foto bin, während mein Gegenüber noch mitten in einer anstrengenden Position steckt. Dann kann aus „Das möchte ich versuchen“ ein ziemlich hartnäckiges „Das muss jetzt noch fertig werden“ werden. Vielleicht werde ich hastiger. Vielleicht höre ich eine Rückmeldung, suche aber zuerst nach einer Möglichkeit, meinen Plan zu retten.

Ein gutes Ziel verträgt eine Änderung.

Genau da möchte ich als Rigger aufmerksam werden. Wenn ich eine Form anpassen oder ganz aufgeben muss, sagt das zunächst etwas über diese Situation aus. Mein Können zeigt sich auch darin, was ich mit dieser Information anfange.

Wenn ich beim Prozess bleibe

Beim Prozessfokus interessiert mich stärker, wie sich der nächste Schritt aus dem bisherigen Kontakt ergibt. Wie kommt meine Seilführung an? Braucht mein Gegenüber gerade eine Pause, eine Erklärung oder eine andere Position? Ich kann eine fertige Form im Kopf haben und trotzdem offen dafür bleiben, dass wir heute anders weitergehen.

Für mich passt das gut zu dem Gedanken, Seil als Kommunikation zu verstehen. Eine Rückmeldung verändert dann tatsächlich mein Handeln. Wenn mein Bunny mehr Orientierung braucht, erkläre ich etwas. Wenn wir beide gerade Freude an einem vertrauten Ablauf haben, muss ich ihn auch nicht künstlich unterbrechen, nur um besonders achtsam zu wirken.

Ich möchte dabei meinen eigenen Körper mitbekommen. Greife ich gerade fester zu, als es die Bewegung verlangt? Stehe ich unbequem, weil ich unbedingt aus diesem Winkel weiterfesseln will? Solche Fragen können mir helfen, meine Ausführung zu verändern. Sie sind eine Einladung zum Wahrnehmen, keine Behauptung, dass Prozessfokus den Körper automatisch entspannt.

Und ich kann es übertreiben. Wenn ich jede Fingerbewegung innerlich kommentiere, wird aus Aufmerksamkeit schnell ein Dauergespräch mit mir selbst. Für den Menschen vor mir bleibt dann erstaunlich wenig Platz. Besonders beim Lernen brauche ich deshalb überschaubare Aufgaben und Zeit zum Üben. Eine neue Technik verlangt Aufmerksamkeit. Das darf so sein.

Eine Übung für den Rigger

Für diese und die folgenden Übungen würde ich kurze, vertraute Situationen am Boden wählen, ohne Aufhängung oder Steigerung der Belastung. Absprachen, Rückmeldungen und Stopps gelten in jedem Durchgang. Ihr könnt die Aufmerksamkeit auch mit einem lose aufgelegten Seil ohne Einschränkung der Bewegung erkunden.

Wählt gemeinsam eine einfache Fesselung, die ihr bereits beherrscht. Im ersten Durchgang lautet dein Auftrag als Rigger: „Ich möchte unsere vereinbarte Form fertigstellen.“ Beim zweiten Durchgang darf dieselbe Form entstehen, aber dein bewusster Schwerpunkt lautet: „Ich nehme wahr, wie meine Seilführung ankommt, und reagiere darauf.“ Dein Bunny versucht, seine eigene Ausrichtung ungefähr beizubehalten. So verändert ihr zunächst nur deinen Auftrag.

Dazwischen löst ihr vollständig und macht eine Pause, bis ihr beide wieder bereit seid. Beendet einen Durchgang früher, wenn es nötig ist. Es gibt nichts durchzuziehen.

Sprecht danach über einen konkreten Moment: Wann warst du gedanklich schon beim fertigen Bild, wann bei deinem Gegenüber? Lass dein Bunny zuerst beschreiben, was angekommen ist, bevor du deine Absicht erklärst. Vielleicht war dein klarer Plan angenehm. Vielleicht wurde erst im zweiten Durchgang eine Rückmeldung wirklich wirksam. Und vielleicht war kaum ein Unterschied zu bemerken. Auch das ist eine brauchbare Beobachtung.

三 · Der Fokus des Bunnys

Auf der Bunnyseite verschiebt sich die Perspektive. Du führst das Seil möglicherweise nicht selbst, aber du bringst deinen Körper und deine Wünsche in die Session ein. Dein Erleben gehört dir. Ein Rigger kann dich begleiten und Verantwortung für sein Handeln übernehmen; was sich für dich stimmig anfühlt, kann er nicht einfach festlegen.

Bleistiftzeichnung einer offenen Hand, in der ein Seilende locker liegt.
Wahrnehmen und mitteilen gehören zum Mitgestalten.

Wenn du ein Ergebnis möchtest

Vielleicht möchtest du eine bestimmte, vertraute Form wieder erleben. Vielleicht habt ihr eine Fotoidee, an der du genauso viel Freude hast wie die Person, die dich fesselt. Oder du möchtest am Ende besser einschätzen können, ob diese Art des Fesselns überhaupt zu dir passt. Solche Wünsche geben dir eine eigene Richtung. Du darfst sie aussprechen.

Ein besprochenes Ziel kann auch Orientierung geben. Wenn du ungefähr weisst, was geplant ist, musst du nicht jede Veränderung neu einordnen. „Wir probieren diese bekannte Form und schauen gemeinsam, ob sie heute passt“ kann sich für dich angenehmer anfühlen als ein völlig offener Beginn. Manche Menschen mögen das Ungewisse. Andere brauchen zuerst etwas mehr Überblick.

Der Druck kann auf dieser Seite leise entstehen. Etwa mit dem Gedanken: „Der Rigger hat sich so viel Mühe gegeben, jetzt sollte ich das auch schaffen.“ Oder: „Auf dem letzten Foto sah das so schön aus. Heute möchte ich nicht die Person sein, wegen der es nicht klappt.“ Dann wird eine Rückmeldung vielleicht hinausgezögert, obwohl sie längst nötig wäre.

Ich wünsche mir als Rigger, dass mein Bunny auch dann etwas sagt, wenn ich von meinem Plan gerade ganz begeistert bin. Ein Wunsch verpflichtet deinen Körper zu nichts. Du kannst eine Form wollen und sie heute trotzdem nicht weiterführen wollen. Beides passt in denselben Menschen.

Das gilt ebenso für Gefühle. „Heute will ich unbedingt loslassen“ kann plötzlich zu einer Aufgabe werden, die du während der ganzen Session überprüfst. Bin ich schon weit genug weg? Fühle ich genug? Wer dabei innerlich dauernd den eigenen Zustand kontrolliert, hat ziemlich viel zu tun.

Niemand schuldet seinem Gegenüber Subspace.

Wenn du dich dem Verlauf zuwendest

Beim Prozessfokus darfst du bemerken, was tatsächlich da ist, ohne bereits wissen zu müssen, was daraus werden soll. Vielleicht fühlt sich eine vertraute Bewegung heute anders an. Vielleicht gefällt dir eine Pause besonders gut, oder du möchtest gerade genauer verstehen, was passiert. Du kannst diese Wahrnehmung mitteilen, bevor du ein fertiges Urteil über die ganze Session hast.

Das kann ganz unspektakulär klingen: „Bitte bleib kurz dabei.“ Oder: „Ich brauche gerade etwas mehr Erklärung.“ Für mich steckt darin viel Beteiligung. Das Bunny gestaltet den Verlauf mit, auch wenn der Rigger die nächsten Handgriffe übernimmt.

Du musst dafür nicht ständig jede Empfindung prüfen. Wenn dich dieses Beobachten eher beschäftigt als unterstützt, darf deine Aufmerksamkeit auch beim Kontakt mit deinem Gegenüber liegen. Prozessfokus ist keine zusätzliche Prüfung darin, besonders feinfühlig zu sein. Eine Session darf sich zwischendurch ganz gewöhnlich anfühlen.

Sofort reagieren

Angenehmes Erleben sagt für sich genommen wenig darüber aus, wie belastend eine Position gerade ist. Taubheit, neu auftretendes Kribbeln oder Kraftverlust brauchen eine unmittelbare Reaktion und ein sicheres Beenden der Belastung. Bei anhaltenden Beschwerden oder Schwäche ist eine ärztliche Abklärung nötig. Solche Zeichen haben nichts mit einem vermeintlich schlechten Bunny zu tun.

Eine Übung für das Bunny

Ihr könnt die beiden Ausrichtungen nun aus deiner Perspektive ausprobieren. Dein Rigger bleibt bei einem vertrauten, abgesprochenen Ablauf. Vor dem ersten kurzen Durchgang benennst du einen konkreten Wunsch, etwa: „Ich möchte die vereinbarte Form erleben und danach sagen können, wie sie heute für mich war.“ Du behältst dieses Ziel im Hinterkopf und gibst weiterhin jede nötige Rückmeldung.

Nach dem vollständigen Lösen und einer Pause beginnt ihr erneut. Diesmal verzichtest du auf ein festes Erlebnisziel und wählst einen einfachen Schwerpunkt: „Ich bemerke, was sich für mich verändert, und darf darauf reagieren.“ Du brauchst kein besonders tiefes Gefühl hervorzubringen. Wenn dir ein Moment auffällt, kannst du ihn benennen.

Erzähl danach zuerst aus deiner Sicht. Hat dir der konkrete Wunsch Orientierung gegeben? Oder hast du dich mehr damit beschäftigt, ob du ihm schon entsprichst? Beim zweiten Durchgang könnte interessant sein, ob du dich freier gefühlt hast oder eher verloren. Das Ergebnis darf in beide Richtungen gehen. Die Übung soll dir helfen, deine Vorlieben zu verstehen.

四 · Wie die Ausrichtungen im Team zusammenpassen

Zwei Menschen müssen während einer Session nicht denselben Schwerpunkt haben. Ein gut abgesprochener Unterschied kann sogar angenehm sein. Voraussetzung ist, dass beide wissen, worauf sie sich einlassen und dass ein geänderter Wunsch den gemeinsamen Verlauf wirklich verändern darf.

Rigger und Bunny mit Ergebnisfokus

Ihr wollt beide eine bestimmte Form gestalten. Dann könnt ihr euch über das gemeinsame Vorhaben freuen, gezielt daran arbeiten und anschliessend vergleichen, wie nah ihr eurer Idee gekommen seid. Nähe kann auch aus diesem gemeinsamen Tun entstehen. Eine Session wird durch ein sichtbares Ergebnis nicht automatisch weniger persönlich.

Besprecht allerdings vorher, was ein gutes Aufhören wäre. Wenn ihr beide die Form unbedingt erreichen wollt, kann es leichter passieren, dass niemand den Plan infrage stellt. Eine hilfreiche Verabredung könnte lauten: „Wenn sie heute nicht passt, lösen wir und schauen uns danach an, was wir daraus gelernt haben.“

Rigger und Bunny mit Prozessfokus

Ihr beginnt ohne festgelegte Endform und möchtet herausfinden, was euch im gemeinsamen Verlauf gefällt. Vielleicht entsteht etwas Einfaches, das ihr gerne wiederholt. Vielleicht verändert eine Rückmeldung die Richtung. Auch eine lebhafte Session kann so entstehen. Prozessfokus verlangt weder Schweigen noch ein besonders langsames Tempo.

Etwas Orientierung braucht ihr trotzdem. Vereinbart, was grundsätzlich im Rahmen liegt und wie ihr miteinander kommuniziert. Wenn beide darauf warten, dass der andere den nächsten Impuls gibt, kann sich die Offenheit nämlich auch etwas ratlos anfühlen. Der Satz „Ich wünsche mir gerade mehr Führung“ passt wunderbar in eine solche Session.

Rigger mit Ergebnisfokus, Bunny mit Prozessfokus

Diese Kombination kann gut funktionieren: Als Rigger habe ich einen vertrauten Ablauf im Kopf, während mein Bunny sich stärker darauf konzentriert, wie es diesen Ablauf erlebt. Mein Plan kann Orientierung schaffen. Das Bunny muss ihn nicht gedanklich Schritt für Schritt mitgehen.

Ein Beispiel wäre: „Ich möchte diese bekannte Fesselung umsetzen. Du musst kein bestimmtes Ergebnis liefern. Sag mir, wie es dir unterwegs damit geht.“ Das funktioniert allerdings nur, wenn diese Rückmeldungen den Plan auch beeinflussen dürfen. Wenn mein Bunny eine Pause braucht und ich lediglich schneller fertig werden will, stimmen unsere Erwartungen gerade nicht mehr überein.

Rigger mit Prozessfokus, Bunny mit Ergebnisfokus

Dein Bunny möchte eine bestimmte Form erleben, während du als Rigger gern flexibel mit Rückmeldungen arbeitest. Du kannst das Ziel ernst nehmen und den Weg dorthin offenhalten. Flexibilität und Verbindlichkeit passen zusammen.

Wenn du den konkreten Wunsch übergehst, weil du lieber ohne Endpunkt fesselst, kann sich dein Bunny übergangen fühlen. Ein möglicher Anfang wäre: „Ich habe verstanden, welche Form du dir wünschst. Wir richten uns darauf aus und passen unterwegs gemeinsam an, wenn es nötig wird.“

Diese Kombinationen sind Momentaufnahmen. Eine Bildidee kann unterwegs unwichtig werden. Genauso kann beim offenen Erkunden ein gemeinsamer Wunsch nach einer bestimmten Form entstehen. Sagt einander, wenn sich euer Wunsch verändert.

Gedankenlesen bleibt auch mit Seil unzuverlässig.

五 · Gemeinsam ausprobieren und darüber sprechen

Für eine gemeinsame Übung beginnt ihr ohne Seil. Jede Person schreibt für sich: „Heute wünsche ich mir …“ Dann lest ihr euch die Sätze vor. Was verbindet eure Wünsche, und wo stellt ihr euch etwas anderes vor?

Nehmen wir an, auf meinem Zettel steht: „Ich möchte einen vertrauten Ablauf sauber umsetzen.“ Mein Bunny hat geschrieben: „Ich möchte heute bei mir ankommen, ohne etwas leisten zu müssen.“ Damit müssen wir nicht zwei getrennte Sessions planen. Wir könnten vereinbaren, dass ich meinen Ablauf als Orientierung nutze, während die Rückmeldungen meines Bunnys entscheiden helfen, wie weit wir ihn tatsächlich verfolgen. Dass das Ankommen ausbleiben darf, gehört ebenfalls dazu.

Probiert eine passende, kurze Situation aus. Wenn ihr später eine andere Kombination erkunden möchtet, löst zuerst vollständig und macht eine Pause. Verändert, worauf ihr achten möchtet, ohne zugleich Schwierigkeit oder Belastung zu erhöhen. Die Reihenfolge kann beim nächsten Treffen auch umgekehrt sein; Tagesform und Vertrautheit verändern das Erleben ohnehin.

Danach erzählt jede Person von einem Moment, in dem sie sich gut begleitet gefühlt hat, und von einem, in dem etwas anderes hilfreicher gewesen wäre. Hört zunächst zu. Wenn mein Bunny sagt „Da hätte ich mehr Orientierung gebraucht“, möchte ich das nicht sofort mit meiner guten Absicht beantworten. Ich möchte verstehen, was gefehlt hat.

Solche Übungen liefern persönliche Beobachtungen. Ein einzelner schöner Durchgang beweist nicht, dass ihr euren einzig richtigen Fokus gefunden habt. Mir wäre schon viel damit gewonnen, wenn ein Wunsch beim nächsten Mal früher ausgesprochen wird.

Und wenn mein Bunny dann sagt: „Heute möchte ich diese eine Form wirklich ausprobieren. Aber bitte ohne deinen Gesichtsausdruck, als würdest du gerade eine Abschlussprüfung ablegen“, weiss ich zumindest, woran ich arbeiten kann.

典 · Fachlicher Hintergrund und Quellen

Die Rollenbeispiele und Übungen sind praktische Vorschläge zum Erkunden der eigenen Aufmerksamkeit. Sie wurden nicht als Shibari-Übungsprogramm wissenschaftlich geprüft. Eine Empfehlung im Blog ist daher als persönliche Einordnung zu lesen.

Ergebnisfokus wird im Text weiter verstanden als der sportpsychologische Begriff Outcome Goal, der häufig einen Vergleich mit anderen bezeichnet. Zielsetzung, Aufmerksamkeitsfokus und Leistungsdruck sind voneinander zu unterscheiden. Ebenso umfasst Prozessfokus hier sowohl Aufmerksamkeit für die Ausführung als auch für den gemeinsam erlebten Verlauf; die Forschung behandelt diese Aspekte nicht durchgehend als dasselbe Konstrukt.

Die Quellen zu Zielsetzung und motorischem Lernen helfen bei der Einordnung von Aufmerksamkeit. Die Arbeiten zu Shibari und BDSM betreffen vor allem subjektives Erleben und körperliche Reaktionen. Keine dieser Quellen belegt, dass eine der beschriebenen Teamkombinationen grundsätzlich überlegen oder körperlich sicherer wäre. Die Recherche war gezielt und erhebt keinen Anspruch auf systematische Vollständigkeit.

  1. Williamson, O., et al. (2024; online 2022). The performance and psychological effects of goal setting in sport: A systematic review and meta-analysis. International Review of Sport and Exercise Psychology. doi.org/10.1080/1750984X.2022.2116723 Meta-Analyse von 27 Studien. Wichtig sind die Trennung der Zielarten und die begrenzte Evidenz für viele psychologische und psychophysiologische Endpunkte. Sportliche Leistungsmasse erfassen weder die Qualität einer Begegnung noch Sicherheit beim Fesseln.
  2. Harris, E. (2023). Healing experiences in Japanese rope bondage practice: A phenomenological study. Consciousness, Spirituality & Transpersonal Psychology, 4, 139–149. journal.aleftrust.org Zehn qualitative Interviews mit regelmässig praktizierenden Erwachsenen. Kleine, gezielt rekrutierte Gruppe und subjektive Berichte; keine Kontrollgruppe oder Wirksamkeitsprüfung. Der Begriff Healing im Titel darf nicht als Nachweis einer Behandlung verstanden werden.
  3. Mullen, R., Faull, A., Jones, E. S., & Kingston, K. (2015). Evidence for the effectiveness of holistic process goals for learning and performance under pressure. Psychology of Sport and Exercise, 17, 40–44. doi.org/10.1016/j.psychsport.2014.11.003 Experiment mit 24 Männern in einer simulierten Fahraufgabe. Verglichen wurden ganzheitliche und auf Teilbewegungen gerichtete Prozessziele sowie eine Kontrollbedingung. Kein direkter Vergleich mit Ergebnisfokus im Shibari. Frei zugänglicher Abstract auch im Repositorium der University of Worcester: eprints.worc.ac.uk/4426.
  4. Ambler, J. K., et al. (Onlineveröffentlichung 2016). Consensual BDSM facilitates role-specific altered states of consciousness: A preliminary study. Psychology of Consciousness: Theory, Research, and Practice. doi.org/10.1037/cns0000097 Vierzehn erfahrene BDSM-Praktizierende mit zufälliger Rollenzuteilung. Kleine Vorstudie mit Fragebögen und einem kognitiven Test. Keine direkte Messung von Hirnaktivität; die Interpretation einer vorübergehenden Hypofrontalität ist daher keine nachgewiesene Abschaltung einer Hirnregion.
  5. Sagarin, B. J., Cutler, B., Cutler, N., Lawler-Sagarin, K. A., & Matuszewich, L. (2009; online 2008). Hormonal changes and couple bonding in consensual sadomasochistic activity. Archives of Sexual Behavior, 38, 186–200. link.springer.com/article/10.1007/s10508-008-9374-5 Zwei Untersuchungen mit insgesamt 58 Personen. Beobachtet wurden Hormonverläufe und empfundene Nähe im Zusammenhang mit BDSM-Szenen. Keine Manipulation des Aufmerksamkeitsfokus und kein Beleg, dass ein bestimmter Fokus Hormone oder Bindung verursacht.
  6. Khodulev, V., et al. (2023). Acute radial compressive neuropathy: The most common injury induced by Japanese rope bondage. Cureus. pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10294117 Die Arbeit erfasste 16 Nervenverletzungen bei zehn Personen und schildert eine wiederholte Nervenschädigung ausführlich. Die Auswahl verletzter Personen erlaubt keine Berechnung des allgemeinen Verletzungsrisikos. Untersucht wurde keine Ergebnis- oder Prozessorientierung.