抱 · Daku — Halten

Bevor Technik beginnt.

Über Nähe, Vertrauen und das, was Seil wirklich tragen kann · Gedanken aus dem TimeOut · ~ 5 Min. Lesezeit

Gestern Abend, als nach der grossen Neueröffnung meines neuen TimeOuts langsam Ruhe eingekehrt ist, hatte ich noch ziemlich viele Bilder und Begegnungen im Kopf.

So viele Menschen waren da. Gespräche, Neugier, Wiedersehen, erste Berührungen mit dem Raum. Und besonders hängen geblieben sind mir diejenigen, die bisher kaum oder gar nichts mit Seilen zu tun hatten.

Menschen, die neugierig sind. Die eigentlich gerne einmal ausprobieren würden, wie sich Fesseln anfühlt. Und die trotzdem Respekt oder sogar Angst davor haben.

Ich kann das verstehen.

Denn wenn man von aussen auf Shibari schaut, sieht man meistens nicht den Anfang. Man sieht das fertige Bild.

Die Suspension. Den Körper in der Luft. Komplexe Fesselungen, perfekte Linien, Spannung, Licht. Bilder, die bombastisch aussehen können und bei denen man schnell denkt: Dafür müsste ich erst einmal unglaublich viel können.

Ich mache solche Bilder selbst sehr gerne. Und mit meiner Erfahrung kann ich heute Dinge mit Seil machen, die technisch anspruchsvoll sind.

Aber gestern wurde mir wieder sehr deutlich, wie schade es eigentlich ist, wenn genau diese Bilder Menschen davon abhalten, überhaupt ein Seil in die Hand zu nehmen.

Denn sie erzählen nur einen sehr kleinen Teil dessen, was Seil sein kann. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass genau dieser Teil so laut geworden ist, dass etwas viel Leiseres fast verloren geht.

Die Begegnung.

Eine einzelne, dünn gezeichnete goldene Linie in weichen Wellen — ein einziges Seil auf dunklem Grund.

Denn Fesseln beginnt für mich nicht mit einer Suspension. Es beginnt auch nicht mit zwanzig Knoten, komplizierten Mustern oder der Frage, ob eine Fesselung technisch beeindruckend aussieht.

Manchmal beginnt es mit einem einzigen Seil. Mit einem Knoten. Mit einer Hand, die das Seil hält. Und mit zwei Menschen, die sich aufeinander einlassen.

Seil ist für mich Kommunikation.

Ich kann führen. Ich kann mich führen lassen. Ich kann Nähe zulassen oder Abstand schaffen. Ich kann Spannung aufbauen und wieder herausnehmen. Ich kann beobachten, wie sich ein Atem verändert, wie ein Körper reagiert, wie jemand ruhiger wird oder plötzlich wacher.

Das alles passiert lange bevor irgendeine technisch aufwendige Fesselung entsteht.

Gestern gab es dafür einen Moment, der mir besonders geblieben ist.

Eine Frau kam auf mich zu und fragte mich, ob ich noch die Energie und die Kapazität hätte, sie einmal in die Seile zu nehmen. Einfach damit sie erleben könne, wie sich das überhaupt anfühlt.

Wir haben kurz miteinander gesprochen. Ein kleiner Check-up. Was ist okay? Was nicht? Gibt es etwas, das ich wissen sollte?

Und dann haben wir angefangen.

Für mich war von Anfang an klar: Beim ersten Mal muss niemand in der Luft hängen. Eigentlich muss überhaupt niemand jemals in der Luft hängen, damit Seil intensiv sein darf.

Also habe ich sie gefesselt.

Nichts Spektakuläres. Keine grosse Suspension. Kein technisches Feuerwerk. Kein Moment, bei dem jemand hätte danebenstehen und denken müssen: Wow, wie kompliziert.

Ich habe Seil um ihren Körper gelegt. Ich habe sie beobachtet. Ihre Reaktionen gelesen. Weitergemacht, wenn ich gespürt habe, dass es passt. Etwas verändert, wenn ihr Körper mir etwas anderes gesagt hat. Mal mehr geführt, mal Raum gelassen.

Vielleicht waren es zwanzig oder fünfundzwanzig Minuten.

Ihre Partnerin sass dabei und schaute zu. Und auch das war schön. Sie konnte ihre Partnerin in diesem Moment einfach erleben, ohne eingreifen zu müssen, ohne etwas leisten zu müssen.

Dann habe ich die Seile wieder gelöst. Und danach habe ich sie in den Arm genommen.

Nicht für fünf Sekunden, weil man das eben so macht. Sondern so lange, wie sie es gebraucht hat.

„Ich brauche noch einen Moment.“

Kein Problem. Ich bin da. Ich halte dich.

Und irgendwann sagte sie zu mir einen Satz, der mir geblieben ist:

Du hast mich so perfekt gelesen. Du hast meine Bedürfnisse so gut aufgefangen.

Genau das. Darum geht es für mich.

Technisch betrachtet hatte ich an diesem Abend nichts Besonderes gemacht. Und trotzdem war da unglaublich viel passiert.

Vielleicht sogar gerade deshalb.

Denn manchmal verstecken wir uns hinter Technik. Technik gibt Sicherheit. Technik ist wichtig. Ich beschäftige mich seit 2012 mit Seilen und weiss sehr genau, warum Grundlagen, Anatomie, Seilführung und Erfahrung ihren Platz haben.

Aber Technik sollte die Begegnung unterstützen. Nicht ersetzen.

Gerade Menschen, die neu mit Seil beginnen möchten, sehen häufig zuerst all die grossen Bilder und denken: Das kann ich nicht.

Natürlich nicht. Das muss man auch nicht können. Niemand beginnt mit einer komplexen Suspension. Und niemand sollte glauben, dass erst eine solche Fesselung „richtiges Shibari“ wäre.

Mehrere dünne goldene Linien, die sich in sanften, unregelmässigen Wellen übereinanderlegen — Seile, die sich um etwas wickeln.

Nimm ein Seil. Spür einmal, wie es durch deine Hände läuft.

Leg es locker über einen Arm oder ein Bein. Wickel es ohne Druck um deinen Körper. Beobachte, wie sich das Material anfühlt, wie sich eine Bewegung verändert, wie unterschiedlich Nähe entstehen kann, wenn ein Seil dazukommt.

Ohne Leistungsdruck. Ohne Instagram im Hinterkopf. Ohne den Gedanken, dass am Ende etwas entstehen muss, das fotografiert werden könnte.

Vielleicht sitzt ihr einfach nebeneinander. Vielleicht wickelt eine Person langsam ein Seil um den Unterarm der anderen. Vielleicht entsteht daraus gar keine klassische Fesselung.

Auch gut.

Das Seil darf Mittel sein. Es muss nicht das Ziel sein.

Und gerade am Anfang darf Unsicherheit dazugehören. Eigentlich ist sie sogar hilfreich, solange man vernünftig damit umgeht. Wer noch wenig Erfahrung hat, sollte keine riskanten Belastungen ausprobieren und weder Atemwege noch empfindliche Körperbereiche belasten.

Langsam sein ist keine Schwäche.

Langsam sein bedeutet oft, mehr zu bemerken.

Wie verändert sich der Atem? Wird ein Körper weich? Kommt Spannung hinein? Will jemand näher zu mir oder braucht die Person gerade mehr Abstand?

Das sind Fragen, die mich wesentlich mehr interessieren als die Frage, ob ein Knoten perfekt aussieht.

Denn perfekte Knoten können leer sein. Und ein einzelnes Seil kann unglaublich viel erzählen.

Gestern habe ich das wieder erleben dürfen. Jemand schenkt mir Vertrauen. Ich darf einen Menschen ein Stück begleiten, darf beobachten, reagieren, führen und manchmal einfach nur halten.

Für mich ist genau das eines der grössten Geschenke, die Seil überhaupt geben kann.

Keine spektakuläre Suspension. Keine zwanzig Seile. Kein Beweis dafür, was man technisch alles beherrscht.

Ein offener, mit dünner goldener Linie gezogener Kreis, dessen Ende als kleine Schlaufe ausläuft.

Manchmal reicht ein Seil.
Und jemand, der wirklich hinschaut.